was vom jahr bleibt

31. Dezember 2023

Was vom Jahr bleibt 2023

Michael Baute

chronologisch – Cyril Schäublin: UNRUEH (2022, im fsk, Berlin) • Tatsunari Ota: ISHI GA ARU [There Is a Stone] (2022, im Februar im Cubix während der Berlinale, im Dezember nochmal im fsk, jeweils Berlin) • Patric Chiha: LA BÊTE DANS LA JUNGLE (2023, im Cubix, Berlin) • Anne Weber: Ahnen (2015) • Steven Spielberg: THE FABLEMANS (2022, Kino in der Kulturbrauerei, Berlin) • Jacques Rancière: Der unwissende Lehrmeister (1987) • Gernot Wieland: BIRD IN ITALIAN IS UCCELLO (2021, auf vimeo) • Heimito von Doderer: Die Dämonen (1956) • Henry James: The Real Thing (1892) • Lew Tolstoi: Der Tod des Iwan Iljitsch (1886) • Valerie Bäuerlein: Die Unvollständige (2023) • Peter Schreiner: TAGE (2022, Filmforum, Duisburg)

 

 

Johannes Bennke

Nebeneinander

2023 ist für mich unauslöschlich mit den Ereignissen vom 7. Oktober in Israel und den darauffolgenden Reaktionen verbunden. Mir ist klar, dass meine Perspektive eine von vielen ist und in der Gemengelage nur einen Ausschnitt darstellt und partikular ist. Als ich im Oktober 2021 mein Postdoc an der Hebrew University of Jerusalem antrat, war nach der Corona-Pandemie eine Art Aufbruchstimmung zu spüren. Der Campus füllte sich wieder mit Studierenden. Touristen und Pilger zogen wieder durch die Altstadt, es eröffneten hier und da sogar einige neue Cafés. Der Regierungswechsel vor einem Jahr brachte dann einen jähen Stimmungsumschwung mit andauernden Protesten der Zivilbevölkerung gegen die Justizreform der Netanjahu-Regierung. Ich erinnere noch die ernüchterte und niedergeschlagene Stimmung auf einer der Demonstrationen vor der Residenz des Präsidenten direkt neben der Israelischen Akademie der Wissenschaft, wo zwei-drei Hundertschaften an Akademikern und Akademikerinnen im Ruhestand gegen die Justizreform demonstrierten, gegen Siedlungsbau und für den Abzug der Siedler im Westjordanland, sowie für die Rechte der Palästinenser:innen. Diejenigen, die einst für ein sozialdemokratisches und liberales Israel gelehrt und gekämpft hatten, wirkten wie eine ermattete Trauergemeinde, die dabei zusehen muss, wie ihr säkulares Erbe mit Füßen getreten und ignoriert wird.

Dabei war es ein genialer Schachzug, die Israelflagge nicht den rechten Propagandisten zu überlassen und die Fahne für die Sache von Recht und Gerechtigkeit einzunehmen. Es ist nichts Neues, dass Staatssymbole, Fahnen zumal, als Projektionsflächen unterschiedlicher Ideen und Interessen dienen. Doch nirgends habe ich das so tief empfunden, wie in Jerusalem. Von meinem Apartment aus konnte ich morgens die israelische Fahne am Wohl Rose Park wehen sehen, dem Regierungsviertel, wo sich Knesset und der Oberste Gerichtshof befinden. Eines mittags sah ich auf dem Rückweg aus Bethlehem beim Grenzübertritt nach Jerusalem die israelische Fahne und die erste Assoziation war das triumphierende Zeichen einer Besatzungsmacht, das hier im Wind wehte. Nachmittags sah ich rechtsreligiöse Fanatiker in großen Gruppen liedersingend auf der Yaffa Road die Israelflagge schwenken und abends jene friedlich demonstrierenden Lehrer:innen, tourist guides, Museumsmitarbeiter:innen und Universitätsangehörigen. Dass so verdichtet zu erleben, ist etwas anderes als davon zu lesen oder es analytisch zu beschreiben. Mit der Flagge als eine Art Schaltbild sind tief empfundene Gefühle verbunden, die nebeneinander existieren und nicht nur widersprüchlich, sondern auch unvereinbar sind. Ein Widerstreit im Lyotard’schen Sinne. Es gibt kaum eine gemeinsame Grundlage für Diskussionen.

Und so stellt sich mir immer wieder die Frage, an wen sich eigentlich all die Solidaritätsbekundungen nach dem 7. Oktober richten, wenn sie vor Ort so gut wie keine Rolle spielen? Am schlimmsten wiegt da der Verrat der Linken an den liberalen Kräften des Landes, die sich mit einem Mal doppelt verraten fühlen: von der Regierung und der internationalen Kolleg:innenschaft.

Am 7.10. wachte ich morgens mit einem Alarm der Homefront App auf, die Raketenbeschuss sogar in Jerusalem anzeigte. Ich war gerade für eine Tagungsreise in Deutschland. Was folgte, sehe ich nun, mit fast dreimonatigem Abstand, als Reaktionsschema: Schock; Unglaube angesichts der Wucht und der nicht nachlassenden antisemitischen Äußerungen von links und rechts; Sprachlosigkeit und eine gewisse Einsamkeit; schließlich so etwas wie das Ringen um Worte und Neuverortung angesichts des diskursiven und digitalen Schlachtfeldes, in die sich nationale Katechismen wie die deutsche Staatsräson gemischt haben.

Raphael Zagury-Orly hat in seinem sehr differenzierten Text «Losing your voice» seine Wut gegen die akademische und künstlerische Linke zum Ausdruck gebracht und damit den Kampf gegen das Verstummen aufgenommen. Die Wut gegenüber moralischen Gewissheiten und dem Verrat an dem, was jene zu verteidigen meinen, ist hier ein wichtiges Vehikel, um nicht jene Hellsichtigkeit zu korrumpieren, die sieht, dass die Universalität in einen Formalismus umkippen kann und Gerechtigkeit auch dort zu verteidigen ist, wo sie Beschränkungen unterliegt.

Natürlich ist dies eine sehr spezielle Perspektive, zumal aus der privilegierten und bequemen Ferne eines Schreibtisches: Wie viele andere Perspektiven hat sie universelle und partikulare Anteile. Aber fragt man nach den erkenntnistheoretischen Folgen aus dem Massaker vom 7. Oktober, dann gibt es aus dieser Perspektive gewisse Notwendigkeiten: Dies gilt insbesondere für die Erinnerung an die «genozidale Botschaft» (Dan Diner) der Hamas, das Verstehen jenes Kalküls, das die Wunde des Traumas des Holocausts wieder geöffnet hat, und es gilt darüber hinaus auch für das Verstehen einer Form von umfassend dokumentierten und offen zur Schau gestellten Vernichtung, die «den Menschen, die an diesen Orten lebten und starben, jede Möglichkeit der Emanzipation und der universellen Gerechtigkeit genommen» hat (Hartmann/Ebbrecht-Hartmann). Insofern gilt es auch, die Gräuel, den «Judenhass und die Mordlust» (Natan Sznaider) vom 7. Oktober und den Abgrund, den all dies aufgerissen hat, nicht durch irgendwelche Kausalargumente aufgrund von Besatzung etwa zu relativieren. Nichts rechtfertigt die Gewaltorgie vom 7. Oktober. Genau diese Sprache der Gewalt rückt diese Ereignisse in andere Proportionen für das kulturelle Gedächtnis der Juden und ihr weltweites Schicksal. Sollte aber diese partikulare Perspektive ignoriert und vergessen werden, gelten universelle Werte nichts.

Dazu zählt auch die Frage der Adresse: An wen wären die Worte zu richten, die nicht sogleich das Leiden der anderen heranziehen, um es aufzurechnen? Und wer würde die Worte vernehmen, wo die gemeinsame Grundlage des Verständnisses und des Vertrauens erodiert ist? Welche Worte könnten dieses Leid, das für andere Anlass zum Feiern gibt, benennen? Und wie kann hier von Werten die Rede sein, von Menschenrechten zumal, wo all dies vor Ort mit Kalkül aufgekündigt und für viel zu viele eine Hölle auf Erden geschaffen wurde? Das Feuerwerk an Solidaritätsbekundungen jedenfalls hat eher Diskursräume abgesteckt, gerade auch mit unverhohlenem Verschweigen des Massakers.

Ich bin mir nicht sicher, ob die analytische Bearbeitung (von Bewältigung kann hier keine Rede sein) tatsächlich hilft und nicht Teil des Problems ist. Denn die Rationalisierung im «Kompass des Trauerns», die Judith Butler anbietet, scheint mir nicht nur das falsche Instrument, sondern als Teil des Verständnisproblems. Denn ein Kompass, der verschiedene Zerstörungstendenzen nicht mehr zu unterscheiden erlaubt und in alte Deutungsschemata zurückfällt, führt nur weiter ins Dickicht und ist damit schlicht unbrauchbar. Hoffnung machen hier eher Initiativen, wie etwa die von Ari Folman, die die unmittelbaren Folgen für Überlebende und die Angehörigen dokumentieren.

In Gesprächen mit israelischen Freunden wird mir klar, dass auch drei Monate nach dem 7. Oktober der Schock noch tief sitzt. Für eine Aufarbeitung der Ereignisse ist es noch viel zu früh. Über den Ausgang und die Folgen des Kriegs lässt sich derzeit nur spekulieren.

Was von diesen Ereignissen bleibt, ist die Gewissheit, dass die partikularen Perspektiven unvereinbar nebeneinanderstehen und drohen, auch unzugänglich zu werden. Was beispielsweise der Briefwechsel zwischen Natan Sznaider und Navid Kermani bezeugt, ist die Tatsache, dass nicht Meinungsgleichheit, sondern Differenzen die Korrespondenz antreibt und Sprache hier die Möglichkeit bedeutet, gerade wegen der Differenzen in Kontakt zu bleiben.

 

 

Jacob Birken

Film als Gewaltgeschichte: Ich habe jetzt also wieder Fight Club (1999) gesehen, eigentlich nur, weil ich letztens Bottoms (2023) gesehen hatte, wo zwei lesbische Teenager an ihrer High School einen Fight Club gründen, mit der Hoffnung, ihren Crushes oder überhaupt irgendwem näherzukommen. Bottoms ist wie Fight Club transgressive Satire, die mit persönlichen Frustrationen beginnt und sich in zunehmend exzessive Gewalt hineinsteigert, am Ende: die große Explosion. Nun liegt zwischen diesen Filmen in zweierlei Hinsicht eine ganze Generation. Emma Seligman, die Regisseurin von Bottoms, ist 1995 geboren, David Fincher wurde dieses Jahr 61. Und dann ist da noch die Generation frustrierter manchildren, die Fight Club als Selbsthilfeprogramm verstanden und die Sprüche des dauerpubertierenden Hirngespinsts Tyler Durden zu inspirational quotes für den konservativen Kulturkampf machten.

Während die Kids in Bottoms sich in der Turnhalle zum ersten Mal die Gesichter blutig schlugen, fragte ich mich, ob dieser Generationenwechsel ein ausreichender Anlass für diesen Film war. Fincher hatte seine Ermächtigungssatire mit einer anderen Perspektive auf gesellschaftliche Kräfteverhältnisse geschrieben: Hier rebelliert der Durchschnittsbürger gegen die bequeme, aber bedeutungslose Konsumgesellschaft, nur um festzustellen, dass sein antisoziales (Auf-)Begehren nichts weiter ist als proto-faschistische Zerstörungswut. Fight Club ist damit am ehesten ein antipolitischer Film, in dem die Revolte gegen den Kapitalismus nur eine Chiffre für soziopathische Selbstverwirklichung bleibt. Im 21. Jahrhundert haben sich die machtkritischen Perspektiven verschoben: Da ist zum einen das Wahnsystem der rechten manchildren, die ihr individuelles Scheitern als Unterdrückung durch eine feminisierte Gesellschaft interpretieren, und zum anderen die unendlich zähe, aber mittlerweile zumindest sichtbare Arbeit daran, Sexismus und andere tradierte Gewaltstrukturen zu demontieren. Aus dieser Perspektive ist der Skandal an (der reaktionären Fehlinterpretation von) Fight Club, dass Ermächtigung hier durch den gewalttätigen Mann repräsentiert wird, obwohl letzterer gerade der gängige Repräsentant von ‹Macht› an sich ist.

Wird daraus Gegengewalt, wenn Bottoms das Motiv aus Fight Club aufgreift, es den manchildren wieder wegnimmt? ‹Wieder›, weil Seligman auf ähnliche Weise clever ist wie Fincher und auf Protagonistinnen setzt, die aus gesellschaftlich bedingter, aber letztlich ganz egoistischer Frustration heraus rebellieren – im identitätspolitischen Schema formal marginalisiert, aber vor allem absolut uninteressant, «gay, untalented and ugly», für alle und niemand anschlussfähig wie der namenlose Dödel bei Fincher. Dass die Selbsthilfegruppe-Girls so einige Vertreter der patriarchalen Ordnung massakrieren ist eine eher unausweichliche Konsequenz: Die sind halt eh überall, wo man hinhaut.

Das ist dringlich und lustig, weil es krass ist, von Spaßtrash wie Cocaine Bear (2023)dessen Regisseurin Elizabeth Banks Bottoms produzierte – nur durch diese gewissermaßen kulturpolitische Metareflexion einen Schritt entfernt. Als ich Fight Club wiedersah, erinnerte ich mich, ihn als Student Anfang Zwanzig auf genau diese Weise aufgenommen zu haben: Dringlich und lustig, weil es krass ist; und wenn Tyler Durden ein paar Kreditkarteninstitute sprengt trifft es ja nicht die Falschen, oder? Bottoms ist sehr 2023 und könnte fragwürdig altern; David Fincher ist gerade wieder sehr 1999 und hat mit The Killer (2023) einen weiteren Film gedreht, in dem gewalttätiger Mann in seiner Lächerlichkeit präsentiert wird. Dieser hört The Smiths und textet sich selbst und das Publikum mit trivial-nietzscheanischen Monologen zu; im Gegensatz zum hyperdelinquenten Tyler Durden ein hyperbourgeoiser Täter. Auch das ist krass, aber ich kann es leider weder dringlich noch lustig finden – vermutlich steht hier wieder eine Kohorte bereit, um diesen banal bösen Killer für tiefgründig und eine verwandte Seele in einer Welt zu halten, die sich dem eigenen Willen leider nicht unterordnen mag.

Und ganz ernsthaft hätte ich mir gerade 2023 gewünscht, dass über Gewalt anders erzählt wird als in satirischen Eskalationen oder der Beiläufigkeit der weiterhin allgegenwärtigen heroischen Disney-Franchises. Barbie (2023) hat das immerhin versucht, wenn in einer Massenschlacht / Choreografie die lächerlichen Männer dieses Spielzeuguniversums ihren kathartischen Fight austragen – verleitet von den Barbies, um sie von den Wahlurnen fernzuhalten, als über eine gegenderte Verfassung von Barbieland entschieden werden soll. Das ist als kulturpolitische Metareflexion durchaus noch einen Schritt cleverer, aber wird faschistoide manchildren jeglichen Alters nicht davon abhalten, ihresgleichen in politische Ämter zu wählen. Das kommt dann 2024 auf uns zu.

Pop als Trauerarbeit: Im März ist Ryuichi Sakamoto gestorben – sein letztes Album 12 (Januar 2023) war bereits eine Sammlung von kargen Ambient-Tracks, die er während einer Krebsbehandlung 2021-22 eher wie im Notizbuch aufgezeichnet hatte. Ich hatte es regelmäßig gehört, seit es erschienen war; als er dann doch starb, wurde es weit über den Status als ein ‹aktuelles› Album hinaus gegenwärtig. Musik, die bleiben wird, gerade weil sie noch geblieben ist. Auch Hannah Diamonds Perfect Picture (Oktober 2023) ist traurige Musik, obwohl eigentlich balleriger Elektropop to throw your hands into the air to. Es ist wohl eine der letzten Veröffentlichungen des Londoner Labels PC Music, das nach zehn Jahren Betrieb nichts Neues herausgeben wird. PC Music war auf eine Weise immer retrospektiv und ‹nichts Neues›, überdrehte Pastiches von Rave und Dance aus den 90ern, angewandte Hauntology, mit der die unerfüllten hedonistischen Versprechen des Spätkapitalismus heraufbeschworen wurden, um weiterhin unerfüllt zu bleiben: ein potemkinsches Dorf als Sehnsuchtsort. Zehn Jahre sind vielleicht lange genug, um ironisch zu betrauern, dass das Ende der Geschichte doch nicht eingetreten ist, aber so ist da jetzt nur eine Leerstelle.

 

 

Ludger Blanke

Am Ende des Sommers hatte C. mich nach Boston eingeladen und dann nach Cape Cod, wo ich ihre Familie kennenlernte und dann noch für ein paar Tage nach Washington DC, wo sie ihre neue Arbeitgeberin traf. In Boston verbrachten wir einen Regentag im MFA und einen weiteren halben im State House, dem Parlament von Massachusetts. 

In allen grossen Kunst-Museen gibt es ja im Wesen dasselbe zu besichtigen, neben dem von mir hochgeschätzten antiken Gerümpel den Kanon der europäisch fokussierten bildenden Kunstproduktion seit des ausgehenden späten Mittelalters etwa, deshalb interessierte mich besonders die Malerei der Amerikaner, der US-Amerikaner, sollte ich wohl sagen, die es bei uns nicht so häufig zu sehen gibt. Ich glaubte zu bemerken, besonders bei John Singer Sargent, der mir bisher unbekannt war, später auch in Washington bei James McNeill Whistler und Eastman Johnson, wie der amerikanische Blick im 19. Jahrhundert den fotografischen schon antizipierte oder deutete (denn die Fotografie war ja schon erfunden), anders als das etwa zur gleichen Zeit die französischen Impressionisten mit dem Licht auf eine eher physikalische Art und Weise machten. 

Der amerikanische Blick hatte oft etwas im Auschnitt oder der Komposition beiläufiges, spielte mit Schärfeebenen, interessierte sich für Details, die nicht zwangsläufig etwas zum Thema des Hauptmotivs beitragen mussten, rebellierten noch ein wenig ungefähr gegen die Autorität der Semantik, den Gegenstand einer zentralen Erzählung. Nebenfiguren waren manchmal halb verdeckt, als scheue der Maler eine zu große Kontrolle über seine Bühne, als wolle er das zufällige im Weltgeschehen und im Blick nicht zu sehr richten. Als legte der amerikanische Maler im französischen Salon lässig die Füße auf den Tisch. 

Mir gefiel das natürlich sehr.

Am längsten hängen blieb mein Blick in Boston dann allerdings an J.M.W. Turners Slavers Throwing Overboard the Dead and Dying – Typhon coming on. Ein Seestück in wilder Romantik des Lichts, wie ich es von Turner kannte, aber im unteren rechten Bildausschnitt auf eine für Turner ungewohnt graphisch drastische Weise Körperteile schwarzer Menschen, die aus den Wellen hervorragten, Fische, die nach ihnen schnappten und die schweren Ketten, mit denen die über Bord geworfenen gefesselt waren. Schockiert las ich auf der Tafel daneben die Inhaltsbeschreibung, dann später intensiv im Netz alles, was ich über das reale, dem Bild zu Grunde liegende Ereignis im November 1781 in Erfahrung bringen konnte. Ein Massaker auf dem überfüllten Liverpooler Sklavenschiff «Zong», bei dem auf dem Weg von Accra nach Jamaika 142 Menschen über Bord geworfen worden waren. Eine gebräuchliche Praxis in diesem einträglichen Business, wie ich las, wenn es aus irgendeinem Grunde eng wurde – aber auch um später die Versicherungsprämie für während der Überfahrt verlorengegangene Handelsgüter zu kassieren. 

Vorher, im März, als ich nach drei Monaten Abwesenheit im Anflug auf Berlin aus dem Fenster auf die Stadt schaute, hüpfte mein Herz zum ersten mal nicht vor Freude. Ich blickte auf die Stadt, als wäre sie die Stadt meiner Eltern (die schon lange nicht mehr da sind und nie in Berlin gelebt hatten). Als ich den Gedanken hatte, wurde ich traurig, die Traurigkeit hielt ein paar Tage an, dann vergaß ich sie langsam.

Aber jetzt, am Ende des Jahres, wo ich wieder für die nächsten Monate in Asien bin, wo ich ja auch nicht hingehöre, fällt mir auf, dass ich in den acht Monaten Zwischenzeit kaum zu Hause war, man kann fast behaupten, jede Gelegenheit benutzte, nicht zu Hause zu sein. Meine Wohnung, die ich aus gutem Grund liebte, machte mich unruhig, als befände ich mich in einem Käfig. 

Im Jahr vorher, gegen Ende der Corona-Zeit, hatte ich einen Gelegenheitsjob angenommen, für eine Hamburger Firma Autos zu überführen, quer durch Deutschland, zum allergrößten Teil Auslieferung neuer, geleaster Dienstfahrzeuge für unter anderem eine große Aufzugsfirma.

Ein wenig Recherche für ein Langzeitprojekt, undercover vielleicht sogar in gewissen Sinne, ich glaube, ich habe das hier schon erzählt, aber ich tat das zu allererst aus Abenteuerlust und Neugier. Das Autofahren als Tätigkeit war nie mein Ding, man muss schon verdammt aufpassen, dabei nicht zu verblöden. Aber die Rückfahrten, in der Regel mit der Bahn, genoss ich sehr, trotz, oder vielleicht sogar wegen der Notwendigkeit zur Improvisation, an der man eine gewisse Freude haben sollte  – oder sie sich jedenfalls leisten können muss – wenn man sich in dieser Zeit der ironischen Fahrplangestaltung der DB ausliefert.

Nach der langen Abwesenheit zurück in Berlin wurde ich mit Aufträgen überschüttet, viel mehr als ich ursprünglich wollte, aber kaum einen lehnte ich ab. Ich hatte ja auch die Idee, dieses Land, das mir neuerdings so fremd erschien, vielleicht neu erfahren zu können. Auf diesen Fahrten, oft in die Vororte der großen Städte oder in abgelegene Orte in der Provinz, machte ich, ohne dass ich das zu einem Projekt erklärte, Fotos, überwiegend mit dem iPhone, fast wie für eine Dokumentation, alles knipste ich wie ein Tourist, was mir in irgendeiner Weise auffiel und ich festhalten wollte. Vielleicht würde ich aus diesen Bildern am Ende eine vollständige Kartographie herstellen können, dachte ich, in der ich mich wiederfinden könnte.

Auf diesen langen Autofahrten entdeckte ich dann ein literarisches Format, dass ich bis dahin, vielleicht ein wenig blasiert, als marginal, hybrid oder jedenfalls uninteressant gefunden hatte, den vorgelesenen Text, das Audiobook. 

Ich begann mit Houellebecqs ein paar Wochen vorher auf Deutsch erschienenen Vernichten, gelesen von Christian Berkel, dann weiter mit Graeber/Wengrows The Dawn of Everything, das ging in beiden Fällen schon ganz gut. Katja Kullmanns Die singuläre Frau hätte ich lieber von der Autorin selbst gelesen gehört, dem Geschriebenen lauschte ich mit großem Interesse, hatte aber zwischendurch immer den Eindruck, als hätte die vortragende Schauspielerin keinen Schimmer, von was gerade die Rede war oder wen sie da gerade zitierte. Im Grunde ist das ja ich nicht unbedingt nötig, aber hier, weil es auch in Teilen autobiographisch abgeht, machte es die Sache schwierig. Kaubes Hegel-Biographie eignete sich eher nicht, stellte ich fest, um ihr beim Manövrieren im Labyrinth der Autobahnkreuze im Ruhrgebiet zuzuhören. Ich machte noch ein paar Versuche, die ich nach kurzer Zeit abbrach, meistens, weil die angeheuerten Sprecher overacteten, sich zu viel Mühe gaben, interpretierten, in das Geschriebene zu viel Drama oder Pathos hineinlegten und dem Text damit den Raum nahmen. 

Dann aber zwei Texte, bei denen ich am Ende die Idee hatte, das Performative des Hörbuchs sei in Wirklichkeit zumindest hier das eigentliche Format und nicht der Print als Buch. In beiden Fällen, war ich mir sicher, hätte ich die Lektüre des gedruckten Buchs nach wenigen Seiten abgebrochen und es in die Ecke geworfen. 

Stuckrad-Barre ist ein sehr guter Performer, und zwar um Klassen besser im Studio nur vor dem Mikofon als auf der Bühne vor Publikum, wo seine in Eitelkeit überspielte Unsicherheit der Sache vielleicht im Weg steht, wie mir manchmal scheint. Er hat ein seismographisch gutes Gehör für Sprechweisen seiner Protagonisten und Millieus und bringt sie rüber mit einem stimmenimitatorischen Talent, das im Varieté, wenn es das noch gäbe, gut aufgehoben wäre. Auch die komplexen Ebenen des oft halb-ironischen Sprechens, der Show oder der auch Aufgeblasenheit, mit denen seine Protagonisten, nicht zuletzt er selbst, in Noch wach? unterwegs sind, konnte ich mir schon nach kurzer Weile im gedruckten Text nur sehr eingeschränkt dargestellt vorstellen. Ich hatte jedenfalls ein überraschendes Vergnügen am präzise inszenierten und mit Hingabe vom Autor vorgetragenen Hyperrealismus in der Hörversion von Noch wach? Ist das ein wichtiges «Buch», habe ich etwas über toxische Machtverhältnisse, mackerhafte Männlichkeit, Springer und «Me Too» erfahren? Vermutlich ja.

Ganz ähnlich, auf eine Weise, erging es mir mit Werner Herzogs Biografie Jeder für sich und Gott gegen alle, der ich zuhörte, nachdem ich mir zusammen mit meinem Bruder, der nicht weit entfernt in Oberbayern wohnt, den emblematischen Wasserfall aus Herzogs Kindheit in Backnang angesehen und wir später eine lange Wanderung hoch auf den benachbarten Geigelstein gemacht hatten.

Gelesen hätte der Text mir vermutlich schon nach kurzer Zeit aus verschiedenen Gründen Unbehagen bereitet, aber Herzogs spezielle Stimme und Sprechweise ist schon eine ganze Weile eine sehr besondere Show. In einer Episode beschreibt er, wie er während der Dreharbeiten zu Herz aus Glas von 1976 den professionellen Hypnotiseur, den er für seine Schauspieler angeheuert hatte, nach ein paar Tagen wieder hinauswarf, weil ihm dieser mit seiner esoterischen Begleitideologie auf die Nerven ging.

Er habe sich aber in den Tagen, als dieser am Set beschäftigt war, sehr genau angesehen, mit welchen gar nicht so komplexen Methoden dieser arbeitete, und dann die Sache selbst übernommen. Besonders die spezielle, eindringliche Sprechweise bei der Hypnose habe er seitdem zunächst immer dann, wenn er einen seiner Dokumentarfilme kommentierte, benutzt,  dann grundsätzlich im öffentlichen Sprechen und schliesslich sei sie in seine innere Natur übergegangen. 

Die Erzählung entwickelt sich bald nach der anekdotenreichen Schilderung seiner Kindheit auf dem abgelegenen Dorf und dann Jugend in München, spätestens nach seinem Entschluss, Filme zu machen, in eine schön quer erzählte Aneinanderreihung von spektakulären «Hans im Glück»-Schwänken (gelegentlich) oder Dramen (meistens) (und einem unmotivierten Rant gegen die Psychoanalyse zwischendurch), am Ende fügt sich das in ein Narrativ der Entwicklung der Welt von einer agrarorientierten, in Backnang noch vorindustriellen, in die digital vernetzte und eng gewordene von heute. Herzog bricht dann irgendwann, mitten im Satz ab. 

Auch das gefiel mir naturgemäß sehr gut.

Am 7. Oktober befand ich mich noch in Washington DC, am nächsten Tag ging unser Flug zurück nach Berlin. Das Ausmaß, der unfassbare Horror der Ereignisse dieses Tages und der daraus resultierenden, wurde mir erst kurze Zeit später bewusst. 

Eine «Äquidistanz» als Ideal habe ich nicht hinbekommen, bis heute nicht, trotz der deprimierend brutalen und enttäuschend perspektivlosen Kriegsführung der IDF, trotz Netanjahu und der ultra-rechten Regierung, trotz der aggressiven Siedlungspolitik auf der Westbank. Im Komplex der deutsch-jüdischen Geistesgeschichte bin ich groß geworden, für den Klerikal-Faschismus der Hamas und seiner Anhänger und Unterstützer habe ich nur Verachtung über. Aber trotzdem: Warum liegt meine Empathie so deutlich auf der israelischen Seite, warum gelingt es mir so wenig, Nähe zur palästinensische Sache zu entwickeln? Was ist mit den Unbeteiligten, mit den Kindern? 

Ich empfand mich in dieser Beziehung zunehmend als, sagen wir mal, defizitär und beschäftigte mich in Folge, soweit ich dazu Zeit fand, mit der Geschichte des Konflikts und besonders, weil ich da offenbar aufzuholen hatte, mit der palästinensischen Perspektive. Aber viel weiter als am Ende Edward Saids Zitat von den Opfern der Opfer weiterzudenken, kam ich nicht: the victims of the victims of the victims of the victims… ad infinitum. 

Denn eine Schuldökonomie hinsichtlich der Kette der sich gegenseitig zugefügten Grausamkeiten und Massaker seit etwa 1920 führte auch nicht weiter, war eher sogar kontraproduktiv für mein Anliegen, denn die Brutalisierung  ging zu Beginn und für eine ganze Weile offenbar primär von der arabischen Seite aus, bis hin zum Massaker von Hebron 1928, bei dem eine seit 800 Jahren dort ansässige jüdische Gemeinde ausgelöscht wurde. Nicht einmal die unwidersprochene Brutalität der «Nakba» 1948 blieb als Ergebnis des Palästinakriegs der arabischen Nachbarstaaten und gleichzeitig des internen Bürgerkriegs gegen die Staatsgründung Israels ohne Kontext. 

Der Nationalstaat ist ja vielleicht grundsätzlich keine gute Idee, aber der eine letzte Fall, in dem er notwendig war, ist Israel. Allein 1920 bei Pogromen in Polen und der Ukraine wurden 100.000 Juden ermordet, besonders die osteuropäische jüdische Bevölkerung stand schon lange vor dem Holocaust unter existentiellem Druck. Es gab schlicht keinen Ort, an dem sie willkommen waren, selbst die USA schottete sich Ihnen gegenüber ab. Da hatte Arthur James Balfour im britischen Mandatsgebiet natürlich eine rettende Tür geöffnet. 

Die Serie palästinensischer Selbstmordanschläge in Tel Aviv, die verschiedenen Intifadas, die Abriegelung des Gazastreifens und der Zugänge von der Westbank, die Raketenbeschüsse aus Gaza, Netanyahu und der Rechtsruck der israelischen Politik, als Kette von Reiz und Reaktion mit einer blödsinnig fatalen Plausibilität. Einzig die Siedlungspolitik der letzten Jahre auf der Westbank bleibt als eindeutige und unprovozierte israelische Aggression bestehen.  Aber die verdammten Kontexte und damit auch die Schuldfrage lösten sich am Ende, da scheiterte ich deutlich, in ein Nullsummenspiel auf. Macht es Sinn, die Toten zu zählen? Möglicherweise stellte ich die falschen Fragen.

Die ersten beiden hatte ich schon vor ein paar Jahren gesehen, aber mit der neuen Fragestellung begann ich mir die vier Staffeln der israelischen Serie Fauda noch einmal anzusehen, unter dem neuen Blickwinkel und mit konzentrierten Interesse.

Auch wenn die Serie die Geschichte einer israelischen Undercover-Einheit in den besetzten Gebieten der Westbank, die terroristische Anschläge von dort aus verhindern soll, und somit aus israelischer Perspektive erzählt, bekommt sie das hin, was mir ja bis heute nicht gelungen ist: Äquidistanz. Oder vielmehr das Gegenteil, nicht Distanz, sondern eine Nähe zu beiden Seiten.

Die palästinensische Gesellschaft, Individuen, die Familien, Gruppen der Hamas oder Al Fatah, aus denen heraus Anschläge gegen Israelis geplant und durchgeführt werden, werden mit einer grossen Nähe, ja beinahe Sympathie erzählt. Fast eine Symmetrie wird hergestellt zur israelischen Umgebung der Mitglieder der Undercover-Einheit. Ohne Stereotype lässt sich innerhalb einer Spannungsdramaturgie, die die Serie virtuos ausspielt, so eine Geschichte nicht erzählen, aber der Writing Room ist sich dieser Stereotype deutlich bewusst und er untergräbt sie, baut sie um und stellt sie bei der nächsten sich bietenden Gelegenheit produktiv in Frage. Die Protagonisten der Serie auf beiden Seiten sind sich im Grunde ähnlich, und fast jeder der Akteure könnte sich in diesem Konflikt unter anderen Bedingungen auch auf der anderen Seite befinden.

Brutalität und Verblendung auf beiden Seiten, schwer sich da für eine zu entscheiden. Oft befindet sich der Zuschauer in einer Situation, in der er, wenn schon nicht das Gelingen eines Anschlags, sich doch zumindest ein Entkommen der Täter aus ihrer aussichtslosen Situation und eine Erlösung für sie herbeiwünscht vom ungeheuren Druck, der auf sie lastet. Oder die Arroganz verabscheut und die Brutalität der auch zur Folter und Erpressung bereiten israelischen Einheit, den «Helden» der Serie.

Was die Sache am Ende so brauchbar macht, jedenfalls für mich in meinem Struggle zu begreifen, mehr jedenfalls als meine bisherigen Lektüren, ist, dass die geschilderten Ereignisse dort dramaturgisch ohne Kontext stattfinden. Nirgendwo, nicht im kleinsten Dialog, wird beschrieben, was eigentlich der mögliche historische Hintergrund sein könnte, warum die eine Seite sich möglicherweise im Recht, die andere im Unrecht befinden könnte. Das ist eine müßige Frage, so scheint es, darum geht es nicht, das spielt schon längst keine Rolle mehr. 

Die Geschichte hat sich wiederholt, die Chance aus ihr zu lernen, haben beide Seiten schon lange vertan. Alles dies, der heilige Kontext, hat sich schon längst in historischen Kompost verwandelt. Die Akteure handeln, weil ihre jeweiligen Gesellschaften das von ihnen verlangen. Sie können nicht anders. Es gibt keine nachvollziehbaren Begründungen: Israel zu beschützen, die Besatzung zu beenden. Das muss reichen. Jede Staffel, besonders die letzte, endet in einer Tragödie. Und wenn man sich am Ende fragt, welchen Sinn das alles machte, das endlose Leiden und Töten zwischen zwei Nachbarn, die sich wie Geschwister ähneln, findet man keine Antwort. Nur, dass das gegenseitige Morden nicht die Lösung ist, wird deutlich. Ein Reset wäre nötig, von Außen, aber wer wäre in der Lage, den herzustellen?

Teju Coles Tremor, am Ende des Jahres,  Auch hier spielen zwei Massaker eine Rolle.

Turners Slavers Throwing Overboard the Dead and Dying, Taiphun coming on, das mich ein paar Wochen vorher in Boston so aus der Balance brachte, taucht an zentraler Stelle im Transkript eines Vortrags, auf, den der Protagonist Tunde, alter ego Coles gewissermassen, im MFA dort hält, und in dem es nur am Rande um Provenienzforschung geht. Von was die Dinge, die wir in Museen betrachten, und überhaupt, auf verschiedenen Ebenen erzählen und wie sie politisch und historisch betrachtet werden können. Oder müssen, denn das zweite Massaker, ist das, das die Briten an der Bevölkerung Benins in einer Art Rachefeldzug vor der Plünderung des Staatsschatzes des Königreichs Benin dort veranstaltet haben. Nicht nur in Berlin, einige der im Anschluss des Raubzugs in die ganze Welt verhökerten Benin-Bronzen befinden sich offenbar auch in Boston. Was haben sie dort zu suchen, sollten sie zurückgegeben werden? Und was dann?

Kolonialismus, Post-Kolonialismus, Rassismus. Begriffe, um die sich der Roman bewegt, oder besser die Felder, die sie beschreiben. Die Musik von Bach, John Coltrane und Ali Farka Touré. Ein paar Abende in der Disko am Rande eines Kongresses in Bamako. Filme von Ingmar Bergman und Abbas Kiarostami spielen eine Rolle. 

Eine Passage in der 24 Bewohner der nigerianischen Stadt Lagos direkt in die Kamera ihre Geschichte erzählen. Ein Bauunternehmer, ein Taxifahrer, eine Unternehmerin, ein Dienstmädchen, eine Studentin, die sich prostituiert um über die Runden zu kommen. 

Wie schauen wir auf die Welt, wie schaut sie zurück auf uns, wie klingt sie, wie kann man ein Bild von ihr machen?

Vielleicht bietet ja doch die Fiktion, das emphatische Erzählen, die größere Chance, der Wirklichkeit auf die Spur zu kommen, wie ich schon im Falle von Fauda empfand.

In Boston gibt Cole den Ertrinkenden auf Turners Bild, den im November 1781 auf der «Zong» über Bord geworfenen Menschen, Namen: «Muru, Kakra, Khowalole, Kibibi, Olabisi, Usi, Kenyatta, Mesi, Yoku, Ngena, Wale, Ade, Sale». 

 

 

Hannes Brühwiler

Ein schweres Jahr, geprägt durch viele tragische Nachrichten und nur wenige Momente der Ruhe.

Im Februar stehen die Zeichen plötzlich auf Abschied, 20 Jahre Berlin gehen zu Ende. Alles geht nun sehr schnell: Eine Wohnung in Zürich muss gefunden werden, Kisten müssen gepackt werden und schliesslich beginnt die neue Arbeit im Filmpodium. Große Aufregung und große Freude, als alles geschafft ist. Und die Frage: Werde ich Berlin vermissen?

Immer wieder denke ich dabei an ein letztes Programm in Berlin, das mir besonders am Herzen lag: die Filme von Michael Roemer. Diese schmale Werk endlich im Kino zu sehen, das war ein Erlebnis, das ich so schnell nicht vergessen werde.

Und sonst? Durch das Jahr geholfen haben u.a.: Bushman (David Schickele), Casa de lava (Pedro Costa), Do Not Expect Too Much from the End of the World (Radu Jude), The Fablemans (Steven Spielberg), Here (Bas Devos), ein Hong sang-soo Double in water und In our day, Menus Plaisirs – Les Troisgros (Frederick Wiseman), die erste Hälfte des ersten Teils von Mission: Impossible – Dead Reckoning (Christopher McQuarrie) // die sehr tolle Biografie Erotic Vagrancy mit dem überaus treffenden Untertitel Everything about Richard Burton and Elizabeth Taylor (Roger Lewis), die Spurensuche in Stanley Schtinters Buch Last Movies, die Licht-Trilogie (M. John Harrison), V13 (Emmanuel Carrère) // Sit Down for Dinner (Blonde Redhead) // Zugfahrten nach Berlin, Bologna, Tessin (Süden), Tessin (Norden), Wien und immer wieder Zürich.

 

 

Robin Celikates

Im Privaten war es prima. Die meiste Zeit dank Freisemester in sicherem Abstand zu Deutschland. Im Frühling zwei Monate im schon sehr heißen Hanoi, mit A tagsüber in der großartig unüberschaubaren Stadt unterwegs, während L im Archiv arbeitete; dann länger in Wien mit wunderbaren Ausflügen in die umliegenden Weinberge und die Wachau; seit August an der US-Ostküste.

Vielleicht sticht aus der Ferne (in der man für Aggro-Emails leider weiterhin erreichbar bleibt) die spezifisch deutsche Verbindung aus Selbstgefälligkeit, Indifferenz und Weltlosigkeit noch krasser hervor, die es intellektuell und politisch akzeptabel oder gar gefordert erscheinen lässt, sich über die Art und Weise, wie über kriegerische Gewalt und Vertreibung gesprochen wird, mehr zu echauffieren als über die Gewalt selbst. Nach innen äußert sich das dann in Strategien der Spaltung von oben, in denen Gewalterfahrungen und Anfeindungen gegeneinander ausgespielt und instrumentalisiert werden, vor allem von denen, die derartige Erfahrungen kaum gemacht haben und die wahrscheinlich auch kaum Menschen kennen, die solche Erfahrungen gemacht haben.

Wenn Deutschland, dann gerne so wie in Spaces of Solidarity im DAZ und am Abend in Verteidigung der Migrationsgesellschaft im HAU.

Ansonsten: THREE-BODY (Vincent Yang & Yang Lei, Tencent/alle 30 Folgen mit englischen UT auf YouTube), TOP BOY S05 (Myriam Raja/William Stefan Smith, Netflix – aber auch die vier vorangehenden Staffeln), THE BEAR S02 (Christopher Storer, Hulu), SLOW HORSES S03 (Saul Metzstein, Apple TV), PLATONIC (Nicholas Stoller, Apple TV), I’M A VIRGO (Boots Riley, Amazon).

Das Jahr abschließender Kommentar von A: Vielleicht muss sich Dein Brain mehr relaxen.

 

 

Catherine Davies

Jutta Schwerin zog 1987 als erste offen lesbische Abgeordnete für die Grünen in den Bundestag ein. Schon vor mehreren Jahren publizierte Schwerin, die in Jerusalem geboren wurde und heute in Kreuzberg lebt, ihre Autobiographie, die den Titel Ricardas Tochter trägt. Darin schildert sie das bewegte Leben ihrer Eltern Ricarda und Heinz Schwerin, ihre eigene Ankunft in der Bundesrepublik der sechziger Jahre, ihr politisches Engagement erst beim SDS, später in der Frauenbewegung und bei den Grünen. Bei seinem Erscheinen wurde das Buch wenig beachtet; ich wollte diesen Sommer nicht aufhören es zu lesen.

Ganz anders das Bild, das Home Sweet Home (2023) von der jungen BRD zeichnet. Alte Super 8-Filme und die Schilderungen der betagten, aber geistig vollkommen lebendigen Großmutter der Regisseurin Annika Mayer zeugen auf eine zutiefst verstörende Weise von einem Abgrund an Gewalt in der wohlhabenden schwäbischen Provinz der Wirtschaftswunderjahre.

Angestoßen von der fantastischen Berichterstattung von Pro Publica über Clarence Thomas und der ebenso tollen Frontline-Doku über den Richter am amerikanischen Supreme Court, habe ich endlich Corey Robins Studie über Thomas’ Jurisprudenz nachgeholt. The Enigma of  Clarence Thomas ist ein Dokument hermeneutischen Scharfsinns, dessen Herausforderung darin besteht, Thomas als Intellektuellen vollkommen ernst zu nehmen.

 

 

Matthias Dell

Die schon schwierigere Frage, worauf sich Hoffnung gründen soll, dass nächstes Jahr um diese Zeit etwas besser ist.  

Die eigentlich überflüssige, aber lang und breit diskutierbare Frage, ob Sandra (Sandra Hüller) «es» war in Anatomie eines Falls (auch wenn, jaja, es darum gar nicht geht). (Und: ja, natürlich).

Die dagegen dann doch nach leichter Irritation im Schweiße eines Sommersonntags beantwortbare Frage, ob der Mann mit der Gitarre, der an einem eher versteckteren Ufer des Neuen Sees ein Lied singt, das kurz zuvor beschäftigt hat («Can't help falling in love»), das zufällig tut. 

 

 

Mathias Denecke

Wunderbar verspult: Ein schöner Tag (Katharina Huber) / Inside the Yellow Cocoon Shell (Phạm Thiên Ân) ist genau langsam genug erzählt / Radu Judes Do Not Expect Too Much of the End of the World fängt das vage Gegenwartsgefühl recht treffend ein / Von Lockdown Tower (Guillaume Nicloux) bleiben vor allem die Zwischentitel («5 Monate später») / Nach The Lodge (Veronika Franz/Severin Fiala, 2019), den ich erst dieses Jahr schaute, beschrieb ich einige beschlagene Fenster reflexartig mit «Repent» / An diesem Jahr kleben die Kurzfilme La herida luminosa. Daydreaming so vividly about our Spanish holidays, in dem Christian Avilés britische Jugendliche auf der Suche nach Sonne zeigt, und Sigh scapes (Duncan Cowles) – über unaufgeregte Landschaftsaufnahmen gelegte Seufzervariationen / Neben This Stupid World von Yo la Tengo bleiben von der Musik 2023 vor allem Lael Neals Star Eaters Delight und die Holiday Ghosts mit Absolute Reality / Nach dem Sorry-Konzert ploppten monatelang Liedzeilen auf, ohne sich aber abzunutzen / Die Ausstellung Geniale Frauen. Künstlerinnen und ihre Weggefährten (Katrin Dyballa) im Bucerius Kunstforum Hamburg zeigte, was mir das Studium damals nicht nahegebracht hat / Die unterhaltsamste Urlaubslektüre war China Miévilles Kraken (Macmillan 2010) / Die Grenzen der Sprache dehnt Yuri Herrera in seinen kurzen Erzählungen Ten Planets (And Other Stories) / Lorna Finlayson bringt mich immer noch dazu, laut aufzulachen, wenn ich an ihre Rezension Let Them Eat Oysters denke (LRB 45/19) / Am kurzweiligsten beschreiben die Zukunft der Reproduktionsarbeit Helen Hester und Nick Srnicek in After Work (Verso).

 

 

Jan Distelmeyer

Dass ich beim Rückblick schnell auf eine kleine 12er-Liste komme, überrascht mich ziemlich. Vielleicht soll der Halt der übersichtlichen Struktur doch ein bisschen was von der Gewissheit zurückgeben, die mir ansonsten in diesem Jahr immer mehr abhandengekommen ist – obwohl ich mich im zunehmenden Abstand zur selbstgewissen Entscheidungssicherheit (auch ein Teil der Probleme) gar nicht nur schlecht und verloren gefühlt habe.

Showing Up (Kelly Reichardt, 2022)

Is That Black Enough for You?!? (Elvis Mitchell, 2022)*

Esterno Notte (Marco Bellocchio, 2022)

Fünf Bemerkungen zum Dokumentarfilm (Gisela Tuchtenhagen, 1974)

Im Norden das Meer, Im Westen der Fluss, im Süden das Moor, Im Osten Vorurteile (Klaus Wildenhahn & Gisela Tuchtenhagen 1975-77)**

All the Beauty and the Bloodshed (Laura Poitras, 2022)

The Makanai: Cooking for the Maiko House (Hirokazu Kore-eda, 2023)

The Bear: King of the Kitchen (Christopher Storer, 2022/23)

Amor Rojo (Dora García, 2023)

Asteroid City (Wes Anderson, 2023)***

Anatomie eines Falls (Justine Triet, 2023)

Leave the World Behind (Sam Esmail, 2023)****

* Im Doppelfeature mit Isaac Juliens Baadasssss Cinema von 2002

** Die 90minütige Live-Diskussion, die der NDR nach einem amtlichen Oldschool-Shitstorm keine vier Wochen nach der ARD-Ausstrahlung des einstündigen Dokumentarfilms ins Abendprogramm (20:15!) hievte, ist fast genauso sehenswert und so etwas wie die umgedrehte Fortsetzung des Films mit den Mitteln der Fernsehanstalt, um die (als Infrastruktur und Dispositiv) sich Gisela Tuchtenhagens dringend wiederzuentdeckenden Fünf Bemerkungen zum Dokumentarfilm drehen.

*** Zusammen mit den Roald-Dahl-Kurzfilmen The Wonderful Story of Henry Sugar, The Swan, The Rat Catcher, Poison. Vielleicht ist es der Tunnelblick meiner Mischung aus ungeschütztem Fantum und professioneller Deformation, aber es kommt mir vor, als ob die Wes Anderson-Filme mehr und mehr Experimente der Verfilmung von Medialitäten sind: Nach dem Magazin mit The French Dispatch (2021) kommt mit Asteroid City das Theaterstück (nicht nur als Aufführung) und mit dem Dahl-Quartett die Kurzgeschichte dran.

**** Beim erstaunlichen Ende im Safe Space ahne ich, dass insbesondere The Makanai und The Bear in meinem Jahr eine vergleichbare Friends-Funktion haben mögen – nicht so sehr wegen Myha’la Herrolds «a past that never happened»-Attest, eher wohl wegen der Küchengesellschaften aus gegebenen und gewählten Familien.

 

 

Monika Dommann

Das Jahr 2023. Alphabetisch geordnet.

B wie José Brunner  Andreas Kilcher und ich hatten das Seminar zu Linke und Antisemitismus schon lange geplant. Dass sich dann seit dem 7. Oktober der Kontext unseres Seminars laufend verändern würde, konnten wir nicht ahnen. Am 7. Dezember haben wir José Brunner zugeschaltet, um über Judith Butlers Essay The Compass of Mourning zu diskutieren. Was für ein grossartiger Denker! Was für ein brillanter Hochschullehrer. Er begann seine Lektion mit einer einfachen Frage: Was wäre für Euch denn das relevante Jahr, um den 7. Oktober zu kontextualisieren?

C wie Café im Rondell  Die Kaffeebar Rondell an unserer UZH hatte auf Ende Jahr 2022 definitiv geschlossen. Im Frühling zog dann das hippe ViCAFE ein. «Die junge Zürcher Marke steht für qualitativ hochwertigen Kaffee aus nachhaltiger Produktion und einem zuvorkommendem Kundenservice.» Seither kostet der Kaffee unverschämt mehr. Es gibt es keine Bananen mehr als Stärkung zwischen den Vorlesungen und Seminaren. Und die Frauen, die das Café Rondell führten, schöpfen seither in der Mensa das Essen aus. Das Rondell ist zu einem Symbol der Auslagerung von Arbeit und des Sponsorings der Wissensproduktion an Brands wie CS (Credit Suisse Award for Best Teaching), ViCAFE und UBS (UBS Center for Economics in Society) geworden.

D wie Jeremy Deller  Die Werkschau in der Kunsthal Charlottenborg in Kopenhagen fühlte sich etwas an wie ein gut bestücktes Kaufhaus. Dellers Arbeiten, die um Grossbritannien, Geschichte und Popkultur kreisen, sind very pop. Ich kannte bloss The Battle of Orgreave (2001), das Reenactment der Miner Streiks von 1984 unter Thatcher. Aber auch Our Hobby is Depeche Mode ist super. Inzwischen ein Zeitdokument über die Depeche Mode Fankultur (insbesondere in Osteuropa) geworden. Auf diese Idee muss man zuerst noch kommen – den 9. Mai (den Tag des Sieges des Grossen Vaterländischen Kriegen) zum Geburtstagfest für Dave Gahan umzudeuten. Auch supercool der Steel Drum Sountrack, unter anderem David Bowies The Man Who Sold the World, in English Magic (Dellers Biennale Beitrag von 2013). Aufgenommen in den Abbey Road Studios. Wo denn sonst. Man findet die Filme alle irgendwo im Netz. Auch sehr pop.

E wie Estnisches Nationalmuseum  Tartu ist die Universitätsstadt Estlands. Die hübsch am Fluss Emajõgi gelegene Stadt ist eine Reise wert (und ist 2024 Kulturhauptstadt Europas). Auf dem ehemaligen Militärflughafens Raadi (in einer einstigen Sperrzone der sowjetischen Besatzmacht) wurde 2016 das Estnische Nationalmuseum eröffnet. Vom japanischen Architekten Tsuyoshi Tane in die Startbahn gelegt. Mehr Symbolik für Nationbuilding geht nicht.

F wie Frie  Ein Hof und elf Geschwister. Der stille Abschied vom bäuerlichen Leben in Deutschland ist aus dem wohl spannendsten historischen Lockdownprojekt hervorgegangen. Ewald Frie hat seine Geschwister interviewt und die Veränderungen in den Leben einer katholischen Bauersfamilie im Münsterland niedergeschrieben. Das erste Buch, das ich hastig am Bahnhofskiosk gekauft und auf ein Seminarprogramm gesetzt habe. Grosse Empfehlung.

In wie Între Revolutii  Ein Footage-Film aus Archivmaterial. Der Filmer Vlad Petri und die Schriftstellerin Lavinia Braniște haben zusammengespannt und Filmmaterial von der islamischen Revolution bis zum Sturz Ceaușescus zusammengeschnitten. Zusammengehalten wird der Film durch einen fiktiven Briefwechsel (von Lavinia Braniște geschrieben) zweier Freundinnen zwischen Bukarest und Teheran. Eine sehenswerte Politik- und Geschlechtergeschichte der 1980er Jahre.

K wie Kap Kolka  Hier am obersten Zipfel Lettlands, da wo die Ostsee mit der Bucht von Riga zusammenkommt (in einer ehemaligen Militärsperrzone) haben wir eine Nacht verbracht und uns vom Sonnenuntergangs- und -aufgangs-Spektakel überwältigen lassen.

M Mariella Mehr  Nachdem ich Michael Herzigs Landstrassenkind über das Leben von Christian Mehr und seine schwierige, von Behördenwillkür, Gewalt und Kälte zerstörte Beziehung zu seiner Mutter Mariella Mehr gelesen hatte, hab ich in der ZB Zürich wieder ihren Erstling Steinzeit von 1981 ausgeliehen. Was für eine grausame Wucht!

N wie Notre Corps  Claire Simon hat die Erfahrungen von Frauen und Transmenschen mit ihrem Körper mutig und radikal von der Geburt bis zum Sterben eingefangen. Das ist feministisches Kino, wie frau es seit den 1970er Jahren nicht mehr gesehen hat.

O wie Les Oubliés de la Belle Étoile  Wie lassen sich sexueller Missbrauch im Umfeld der katholischen Kirche und Erfahrungen von extremer Gewalt mit filmischen Mitteln zur Darstellung bringen? Clémence Davigo hat die Geschichten jener geschundenen Männer, die in einem Erziehungsheim in der Savoyen zwischen den 1950er und 1970er Jahren ihre Kindheit und Jugendjahre verbracht haben, zusammen mit ihren Protagonisten entwickelt.

P wie Prisoners of Fate  Der sehr sehenswerte Dokumentarfilm von Mehdi Sahebi lief an der Semaine de la Critique in Locarno. Er fängt das Leben von Geflüchteten aus dem Nahen Osten in der Schweiz ein. Es braucht sie immer wieder diese Filme, die den «Kollateralschäden» der Weltgemeinschaft Gesichter geben.

R wie Rex  Kleine Christian Schocher-Retro im Rex in Pontresina, das 35 Jahre lang von ihm geführt wurde. Fernsehfilme, die er für das romanische Fernsehen gedreht hatte. Paun jester ha siat crustas (1998) beleuchtet die vergessene Arbeitsmigration made in Switzerland. Zwischen den ärmsten Tälern und den Luxushotels im Engadin. Die Consierges, Zimmermädchen und Chasseurs wurden später durch Italienner:innen, Portugies:innen oder Jugoslaw:innen ersetzt. Dass die Menschen aus der Surselva einst genauso ausgebeutet wurden, hindert sie nicht daran heute auf die neuen Arbeitsmigrant:innen hinunter zu schauen. Die Binnenmigration des harten Lebens in der näheren Fremde ging bislang in der Migrationsgeschichte der Schweiz fast vergessen. (Kann auf der Streamingplattform der Radiotelevisiun Svizra Rumantscha angeschaut werden)

S wie Sweetie  Von Jane Campion (1989). Als mich die rasant zunehmende Hinfälligkeit des Vaters, sein Umzug ins Pflegeheim und das Elend der Mutter ohne Aufgabe eh mitgenommen hatte, hat mich Campions grosser Erstling über eine Familie im freien Fall noch tiefer getroffen als sonst.

Q wie Queer Lives1900 bis 1950  «To be seen» war eine Ausstellung zu LGBTIQ* in Deutschland im NS Doku München, die in die eh hervorragende Dauerausstellung temporär integriert wurde.

T wie James Turrell  Es brauchte den 24. Dezember 2023, bis ich endlich die Lichtinstallation Light Transport von James Turrell im Bahnhof Zug von 2003 genau angeschaut habe. Im leeren Bahnhof, zusammen mit meiner Schwester und dem Singha Bier aus dem weit und breit einzig geöffneten Lokal in dieser verdammten Stadt, die sich in die Dienste des globalen Kapitalismus gestellt hat.

V wie Vater  2023 war das Jahr des Stürzens, Liegens, Verschwinden des Vaters. Der Kontakt mit der Welt der Pfleger:innenn, Abteilungsleiter:innen, Heimleiterinnen, der Windeln, des Rollstuhl und dann Pflegerollstuhls, des Hebekrans, des Duschstuhls hat mein Leben verändert. Der Tod ist nähergekommen. Gerade auch als die Pflegerin bei der ersten Begegnung mich als Tochter meines Vaters erkannt hat. Bald werde ich niemandem mehr aus dem Gesicht geschnitten sein.

W wie Wien  Am 26. Juli 1963 zerstörte ein Erdbeben 80% aller öffentlicher Gebäude in Skopje. Das Museum für zeitgenössische Kunst wurde 1970 neu eröffnet, mit Solidaritätsgaben von Künstler:innen und Museen aus der ganzen Welt. No Feeling is final. The Skopje Solidarity Collection in der Kunsthalle Wien zeigt Exponate aus der Sammlung, ergänzt um Dokumente dieses Wiederaufbauprojektes und zeitgenössischen Arbeiten, die sich mit Skopje beschäftigen. Ich habe mir vorgenommen 2024 endlich mal noch Mazedonien zu reisen.

X wie Xenix  Im Kino Xenix hat Peter Mettler im November die Episoden II und III seiner siebenteiligen neue Serie While the green Grass Grows als Work in Progress präsentiert und mit uns diskutiert. «Mettlerizing» ist das Wort, das die Magie von Meter Mettlers Kino wohl am treffendsten zum Ausdruck bringt.

Z wie Zwangsarbeit  Nach Landstrassenkind und Steinzeit habe ich auch noch Yves Demuths Reportage über die Geschichte von Schweizer Zwangsarbeiterinnen gelesen. Die Zusammenarbeit von katholischen Institutionen mit Fabrikanten und die Geschichte der Teenagerinnen, die in der Nachkriegsschweiz ohne rechtliche Grundlage zur Zwangsarbeit verpflichtet wurden, wurde bislang noch kaum beleuchtet.

 

 

Christoph Engemann

Elon hat Twitter kaputt gespielt. Schade, war Twitter doch eine gute Weile lang und gerade während Covid bzgl. Signal/Noise unübertroffen. Eine sauber kuratierte Timeline vorausgesetzt. Twitter, nun trotz überwiegender Y-Chromosomen X genannt, konnte als Diskurslupe und -prisma zugleich dienen. Dort fanden sich Positionen von «lost it» bis «very reasonable» aufgefächert. Dabei ließ sich nach Belieben zwischen schnellem Überblick und hineinzoomen in einzelne Debatte bei nahezu beliebiger Auflösung wechseln. Ausnahmen wie COVFEFE inbegriffen. Aus dieser Zeichenfolge ließen sich partout keine Spektralinien eruiren, die Aufschluss über die materiellen Sachverhalte am anderen Ende der Leitung erlaubt hätten.

Mastodon, Bluesky, Threads – die offiziellen Twitteralternativen bleiben bislang fahl. Technische Friktionen, Designideosynkrasien und auch die zumindest bei Bluesky grassierende Kartoffelhaftigkeit hemmen die notwendigen Netzwerkeffekte weiterhin. Newsletter haben derweil ein Teil des Publikums gebunden und eine seltsame Wiederkehr vom Autorenschaft und informationeller Assymetrie zurück gebracht. Es ist eine Zeit vor den sozialen Medien angebrochen und zugleich lässt sich vom Internet nicht mehr sprechen. Junge Menschen, die auf TikTok, Insta und anderen Apps agieren, verstehen das Wort Internet längst nicht mehr. Vielleicht handelt es sich um eine Latenz, die durch die Gleichzeitigkeit von generativen KI’s in Wort, Bild und bald schon Ton, sowie den anstehenden Immersionsoptionen in Apple’s VisionPro und deren Konkurrenz gekennzeichnet ist. Wir sind – das wurde angesichts der KI-Revolutionen in 2023 oft bemerkt – an einem ähnlichen Punkt wie 1993, als das WWW seinen Auftritt machte.

Hollywoods Screenwriters & Actors haben sich 2023 ihrer Virtualisierung durch KI’s gesträubt und die Kulturindustrie zumindest für einen Moment entschleunigt. Wahrscheinlich Avantgarden kommender Arbeitskämpfe gegen das KI-Kapital. Unmittelbar blieb DUNE 2 als Leinwandanschauungsmaterial für den Stand der visuellen Produktivkräfte auf 2024 verschoben. Die KI’s kümmert es wenig, mehr Zeit zum trainieren der Modelle. Aber kurz vor Jahresende tritt die alte Tante New York Times noch mal auf die Urheberrechtsbremse und verklagt OpenAI und Microsoft: «billions of dollars in statutory and actual damages». Ganze Nationen werfen derweil ihre akademischen Outputs in den Rachen vermeintlich guter DEALs, bei denen die Weiterverwertung in KI’s mehr als nur Beifang ist: Fully Gold nennt Elsevier das – Rendite reale 37% in 2023.

Auf den Leinwänden und Bildschirmen geht es derweil immer virtueller zu. Ob LAST OF US, SILO oder BARBIE, bei den Virtual Production Volumes oder On-set virtual production genannten Verfahren, werden reale Kamera zugleich virtuelle Kameras. Für diese werden in Echtzeit die Szenen auf den kreisförmig aufgestellten LED-Wänden berechnet, die dynamisch die Umgebung der Schauspieler zeigen. Sie sind schon drin, und wir vielleicht in der VisionPro auf teilweise denselben technischen Grundlagen wie die OSVPs bald ebenso.

Die Gründe hier weg und ins Meta zu wollen nehmen derweil nicht ab. Im letzten Was vom Jahr bleibt hatte ich mit der Erwartung eines realen Atomtests für 2023 geschlossen. OPPENHEIMER hat diesen und dazu das Für und Wieder von Atomwaffen aufgetischt. Diskurstraining wahrscheinlich, dankenswerterweise durfte 2023 die Erde von Fremderregungen verschont bleiben. Aber Putin hat am 02.11.23 die russische Ratifikation des 1996 geschlossenen Nukleartestverbots zurückgenommen. Die Wahrscheinlichkeit eines realen Tests hat sich für 2024 damit erhöht. Wahlkampf in den USA, 2. Jahrestag des Ukraine Krieges, Präsidentenwahl in Russland selbst; das Potential für nicht nur untergründiges Rumoren ist gegeben. Die europäische Diskussion dazu wartet auf ihre Bebilderungen und Diskurspacours.

Was aber vor allem bleibt von 2023 ist 10/7 und die Folgen für progressive und kritische Selbstbefragungen nicht nur des sogenannten Westens, sondern auch gerade von dem, was sich nicht unter diesem Kollektivsingular verstanden wissen will. Die Unterscheidungen und Relationierungen von Rassismus, Antisemitismus, Kolonialismus und Nationalismus, das Fragen nach der Kritik der Moderne und ihrer Folgen haben eine neue und gewaltige Aktualisierung erfahren. Die Zentrifugalkräfte dieser Prozesse werden unter o.g. Bedingungen nur zunehmen. Ist ja auch Kafka-Jahr dann, passt schon – oder kennt den noch wer?

 

 

Ralph Eue

Notizen aus Tagen und Nächten herabgesetzter Hoffnung

Spätestens wenn Axel Hacke im Besten aus aller Welt, sich einmal dazu hinreißen lässt, das Idiom zu wechseln, dem feinsinnig Kolumnistischen zu entsagen und messerscharf Klartext zu formulieren, weiß man, was die Stunde geschlagen hat: «Vielleicht ist jetzt der Zeitpunkt, wieder darauf hinzuweisen, dass es keine Staatsform gibt, die den Menschen in ihrem Leben mehr dient, als die liberale Demokratie. Das lehrt nicht nur der Blick nach Russland oder China. Recep Tayyip Erdoğan zum Beispiel hat die Türkei von einem funktionierenden Rechtsstaat in eine Quasi-Diktatur verwandelt – mit welchem Ergebnis? Der Journalist Bülent Mumay schreibt in der FAZ in seinem Brief aus Istanbul, Benzin sei innerhalb eines Jahres um 240 Prozent teurer geworden, die Inflationsrate liege bei 142 Prozent. Wer diese Zahl aber veröffentliche, müsse mit Gefängnis rechnen. Die Zahl der Frauenmorde habe sich in zehn Jahren fast vervierfacht, doch die Organisation, die ein Register dieser Massaker führen wolle, stehe ebenfalls vor dem Verbot. Diktaturen haben Menschen nichts zu bieten als trügerische Gefühle: nationalistische Räusche, Überlegenheit, alberne historische Missionen. Was nicht dazu passt, muss unterdrückt werden, es geht nur mit Lüge, Straflager, Mord. Keine Demokratie ist perfekt. Aber es ist die schneller lernende Regierungsform, manchmal chaotisch, bisweilen enervierend schwach. Immer bedroht. (Was viele vergessen hatten.)»

Leiden auf hohem Niveau: 1992 hatte Georgien eine Inflationsrate von 15.900 %, was die ‚gefühlte Wahrheit‘ der ‹galoppierenden Inflation in Deutschland› im ersten Quartal 2023 (Spitzenwert: fast [!] 10 %) zumindest in anderem Licht erscheinen lässt. Umso mehr, als sich das Phänomen im laufenden Jahr schneller als erwartet wieder abkühlt: auf moderate 3,2 Prozent.

Verloren geglaubt, wiedergefunden: David Thomsons Buch The Whole Equation. A History of Hollywood. Mischung aus Elegie und forensischem Bericht. Erschienen 2005, aber seither gealtert wie ein guter Wein. Lieblingsstelle, bei der ich wünschte, sie wäre es nicht: «Kann sein, dass die Sache, die wir Kino nennen, heute tot ist oder völlig veraltet.»

W UKRAINIE (R: Piotr Pawlus, Tomasz Wolski) im Programm des Forums der Berlinale. Feste Einstellungen aus ukrainischem Kriegsalltag. Beschissenste Normalität, die man nicht haben will und keiner braucht. Bei den Menschen in diesem Film sind sämtliche Sicherheitsreserven (mentale, materielle, emotionale) aufgebraucht. Trotzdem weiterleben wollen! Natürlich! Was sonst! Stoisch zelebriert W UKRAINIE die Kraft des dokumentarischen Kinos: den Moment der Aufnahme: Was da zu sehen ist, das passiert so jetzt und danach nie wieder so! Zeugnis ablegen and if it’s the last thing I ever do! Und in jeder Aufnahme die zusätzliche, ans obige Trotzdem anschließende Frage: Aber wie soll das eigentlich gehen? Ein Film, der ‹ganz normal› von Allem handelt: Geopolitik, kleinen Geschichten und Alltagskram. Und in allem sitzt, wie ein erbarmungsloses Virus, der Krieg.

Bascha Mika antwortet im Radio auf die Frage des Moderators, ob der Pazifismus auf den Müllhaufen der Geschichte gehöre: «Nein. Tagesaktuell kann er zwar derzeit keine Priorität beanspruchen, aber er bleibt unverzichtbar.»

Irgendwann, endlich! Wenn sich Russland – notwendigerweise besiegt – aus der Ukraine zurückgezogen haben wird, einen Feiertag lang den Anti-Kriegs-Song White Grass (The War is Over. Seems we won. Hooray) von Marlene Dietrich wieder und wieder hören: die Geschichte eines erschöpften Heimkehrers. Nie auf Platte erschienen, sind von White Grass nur einige Konzertmitschnitte überliefert. Was eine Hymne hätte sein können (vielleicht auch sein sollen), ist das absolute Gegenteil davon. Jede Anwandlung von Triumph wie rausgewaschen aus Marlenes Gesang – stattdessen bodenlose Traurigkeit und unendlicher, fassungsloser Zorn.

Christian Petzolds ROTER HIMMEL. Mit dem ersten Bild, dem ersten Ton (Song der Wallners: In my mind), stellt sich Gewissheit ein, hier richtig und zuhause zu sein. Der Widerwille, sich in der Hauptfigur wie in einem Alptraum erkannt und ertappt zu fühlen und der Horror des wie eine Fackel durch den brennenden Wald galoppierenden Wildschweinfrischlings, tut dem keinen Abbruch. Gleiches Empfinden bei Aki Kaurismäkis KUOLLEET LEHDET (FALLENDE BLÄTTER). Kaurismäkis Film besteht zu quasi 100% aus erzählerischen Standardsituationen. Oder anders: es ist, als hätte jemand das Fleisch vom Kinokörper abgepult und man sieht die Basis des Make Up.

•Überhaupt: Wieder wenig im Kino gewesen in diesem Jahr. Unter dem wenigen allerdings viel Bereicherndes. (1) Lutz Mommartz’ DER GARTEN EDEN (1977). Eine Recherche übers Paradies, das vermutlich irgendwo an der westdeutsch-niederländischen Grenze liegt. Zuerst nur einem Impuls cinephiler Pflichterfüllung folgend, drei Stunden später, selten unbeschwert das Kino wieder verlassen. Ein absurdes Schelmenstück. Vermutlich seit Vlado Kristls oder Jonas Mekas’ Filmen noch nie so einen locker in den Schnee gepinkelten Experimentalfilm gesehen. (2) Ebenfalls lang nachklingend: DIE RICHTIGE HALTUNG (2023). Abschlussfilm von Jonas Hermanns und Ole Steinberg an der KHM. Das Essay über Buckelbergwerke, transportiert eine kleine Geschichte des sächsischen Bergbaus und praktiziert filmisches Nachdenken dazu, was Arbeit ist. Materialreich und klug. (3) Henry Kosters IT STARTED WITH EVE (1941): durchtrieben virtuose Screwball Comedy. In der gleichen Liga spielend wie Capras IT HAPPENED ONE NIGHT (1934) oder Hawks’ HIS GIRL FRIDAY (1940). Umwerfende Darsteller (Deanna Durbin, Robert Cummings, Charles Laughton), die über die gesamte Strecke kontrolliert taumelnd spielen falsch zu spielen. (4) DIE THEORIE VON ALLEM. Bestechender Solitär. Wie Timm Kröger unerschrocken auf das Unerwartbare setzt, macht ihn zum legitimen Nachkommen von Filmemachern wie Ottomar Domnick (JONAS, 1957), Ferdinand Khittl (DIE PARALLELSTRASSE, 1962) oder Roland Klick (DEADLOCK, 1970).

Boris Vians Roman Ich werde auf eure Gräber spucken (1946) bei der Antiquarin des Vertrauens aufgestöbert und gleich (wieder) verschlungen. Sofort (wieder) entflammt für die kraftvolle und schamlose Prosa Vians alias Vernon Sullivan. Später frage ich mich, wie ein frisch gebackener Sensitivity Reader in einem Verlag heute mit dem Buch fertig würde, ob er/sie/es das Manuskript überhaupt passieren lassen könnte/wollte und bin dankbar, dass bestimmte Berufe erst spät das Licht der Welt erblickten.

Delta-Marxismus. Wiederholt Gegenstand meiner Träume. In einem davon wache ich im Traum aus dem Traum auf und will nachschlagen, was es damit auf sich hat, wer seine Vertreter sind und ob es so was überhaupt gibt. In einem weiteren ‹Kapitel› bin ich dann in NYC. Ein Informant flüstert mir zu, dass es kistenweise Unterlagen dazu gibt und dass die in einem Schuppen oder Container lagern (irgendwo im alten Meat Market District), dass das aber heiße Ware sei, weil der Besitzer das Zeug auf dem schwarzen Markt verkaufen will. Irgendwoher habe ich einen Lageplan und schleiche hin. Ich weiß noch, dass ich mich an einem Stricher in langem schwarzen Ledermantel mit herausbaumelndem gewaltigen Schwanz vorbei drücke, komme zu dem Schuppen, dessen Tür nur angelehnt ist und zwänge mich, aus Angst entdeckt zu werden, durch einen Spalt hinein (Als ich wach bin, frage ich mich, warum ich sie nicht einfach weit aufgemacht habe), steige auf einen wackeligen Stuhl, schaue über den Rand des Containers. Darin, kreuz und quer alte Aktenordner, voll mit aufgeklebten Zeitungsausschnitten, sowie Spitzelberichten und irgendwelchen Zeichnungen. Mir fällt auf, dass die Namen auf den Zwischenblättern alles Frauennamen sind. Die meisten sagen mir nichts. Erinnere mich – aber das habe ich mir vielleicht auch nur hinterher zusammengereimt – an Luxemburg, Arendt, Modotti, Krupskaja. Danach leider unvermitteltes Ende. Im Lauf des späteren Vormittags sitzt mir das Gefühl im Nacken, dass ich weiter träume, bloß schon wieder in einer anderen Sequenz gelandet bin. Aber der Traum ist aus! Zur beruhigenden ‹Therapie› höre ich beim Mittagessen Ballad of a thin man von Bob Dylan.

Wegschmeißen oder Behalten? Ein Band mit Essays von Octavio Paz. An einer Stelle paraphrasiert der Mexikaner Botho Strauß: «Der Schriftsteller spricht nicht vom Nationalpalast, vom Volksgerichtshof oder von den Büros des Zentralkomitees aus: er spricht von seinem Zimmer aus. Er spricht nicht im Namen der Nation, der Arbeiterklasse, der Immobilienbesitzer, der ethnischen Minderheiten, der Parteien.» Und später, das Argument zu Ende führend: «Er spricht nicht einmal im Namen seiner selbst. Das erste, was eines wahrhaften Schriftstellers verdammte Pflicht ist, an seiner eigenen Existenz zweifeln. Literatur beginnt, wenn einer sich fragt: wer spricht in mir wenn ich spreche?» Und noch weiter: «Die Stimme des Schriftstellers hat seinen Ursprung in einer Nichtübereinstimmung mit der Welt UND mit sich selbst.» Ich denke, das Buch bleibt! Im heimischen Regal sowieso. Und sonst? Auch sowieso!

In vorauseilendem Gehorsam gegenüber möglichen Publikumsreaktionen unterbricht das Management eines unabhängigen Kulturzentrums im niederländischen Groningen die Proben für eine Aufführung von Warten auf Godot. Begründung: Regisseur Oisín Moyne (26) – einer testamentarischen Verfügung Becketts folgend – will für die fünf Männerrollen des Stücks nur Männer einsetzen. Eine Premiere findet nicht statt.

Ein Gartennachbar erzählt, dass er im Prinzip nix gegen Löwenzahn hat, allerdings dessen aggressives Fortpflanzungsverhalten missbillige, weswegen er sich einen dieser Handflammenwerfer angeschafft hat, die man zum Karamellisieren nutzt. Mindestens zweimal am Tag patrouilliert er damit durch den Garten und brennt die Stängel mit den Schirmchen – Kinder sagen Pusteblumen – nieder.

Anderer Traum. In Erinnerung bleibt nur das Ende. Mir wachsen an den Füßen mehrere neue Zehen, sodass die Füße in keine Schuhe mehr passen. Für den Gartennachbarn klare Sache, das sind geile Triebe, die müssen weg, sonst zerstören sie den Gesamtorganismus. Die Heckenschere hat er schon in Griffweite liegen und streckt die Arme danach aus. Ich schrecke aus dem Schlaf auf und zähle meine Zehen.

Die Geschichte von Werner Heisenberg, der 1954 Niels Bohr in dessen Sommerhaus besucht: Bohr, der als Mitbegründer der Quantentheorie und Entwickler des Bohrschen Atommodells eine Vaterfigur für Heisenberg ist, hat über der Eingangstür des Hauses ein Hufeisen als Glücksbringer hängen. Heisenberg zeigt darauf und fragt etwas belustigt: «Du und ein Hufeisen? Aber du glaubst doch nicht an so was?» Die Antwort Bohrs: «Nein, natürlich nicht. Aber weißt du, es soll auch seine Funktion erfüllen, wenn man nicht daran glaubt!»

Ich liebe sie, die Ansage im ÖFM vor jeder Vorstellung: «Bitte sorgen Sie dafür, dass Ihre Telefone weder leuchten noch läuten.»

Audio-Brocken – links und rechts des Wegs aufgeschnappt: Fossiler Invertebrat | Amtlicher Dance Track | Brachialschlager | Die Heimat umarmt mich gerade wie ein böser Tiger | Wenn Verkehrsplanung am Ende nur in die Verpollerung unserer Straßen mündet | Marktschreierische Endgültigkeit | Fridays for Hubraum | Explainer | Fiktionsbescheinigung | Ärmelschoner | Friedensdividende | Seelische Epidermis | quecksilbrige Beweglichkeit | Eye Candy | Musik gewordener Schokoladenpudding | Interessengeleitete Trägheitskräfte | Der Kopf flüstert Sport, der Körper schreit nach Gebäck | Kuchen hat nur wenig Vitamine, deshalb muss man viel davon essen | Einstrahlung des Ostens | Gewölk platzt auf | Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz | Eine des Merkens würdige Zeit | Er sprach wie ein Jongleur, der zu große Begriffsteller auf zu dünnen Stäben balanciert | Zernichtung | verwüstlich | wirtlich | Manchmal fällt auf uns der Frost und macht uns hart | Wenn etwas so aussieht wie Krautsalat und riecht wie Krautsalat, ist es in der Regel kein Mousse au chocolat | Pathologische Mutanten des Islam …

Rammstein hat mich nie interessiert: Wird vermutlich auch so bleiben. Den Namen des Sängers hatte ich bis Ende Mai d.J. noch nie bewusst wahrgenommen. Mitte Juni lande ich beim Rumsurfen in einer Talkshow eines bayerischen Regionalsenders, wo von Lindemann und dem Rammstein-Skandal als Thema der Woche die Rede ist. Es gibt einen Einspieler mit viel Yellow Press Schlagzeilen. Hyperventilieren scheint sowohl bei den Ausschnitten wie den Live-Gästen der Standard Modus der Mitteilung zu sein. Zu Gast in der Sendung auch Harald Schmidt – der einzige, der einen wetterfesten Eindruck macht, d.h. der immun zu sein scheint gegen das rundum herrschende Erregungsklima dieser, nun ja, Debatte: Seine Einlassungen geschliffen scharf und klar. Es herrsche viel Aufregung im Konjunktiv. Wie könnten medienaffine Zeitgenossen, welchen Geschlechts auch immer bei der Berichterstattung über diesen sogenannten Skandal nicht über die Häufigkeit bestimmter Vokabeln stolpern, als da seien: «angeblich», «Insider sagen», «soll», «es wird behauptet». Und was das Geschehen bei den fraglichen Aftershowpartys angeht: «Ich habe immer gehört, es sei total heißer Scheiß dazu eingeladen zu werden?» Später dann: «Hat wirklich irgendjemand vermutet, dass dort nur Mikado gespielt worden ist oder Laubsägearbeiten gefertigt wurden?» Und: sei nicht einzig von Belang, juristisch zu untersuchen, ob dort Dinge passiert sind, die strafrechtliche Relevanz haben?

Unterwegs im Berliner S-Bahn Netz: Aus dem Lautsprecher auf dem Bahnsteig tönt: «Wegen Personen im Gleisbett ist der Zugverkehr unregelmäßig.» Zwei Stunden später, auf anderem Bahnhof: «Wegen der Reparaturen an einem Signal kommt es auf den Linien x y und z zu Verspätungen.» Nach einer weiteren Stunde, auf einem Bahnhof einer anderen Linie: «Nach Notarzteinsatz auf der Strecke ist der Zugverkehr unregelmäßig.» Ich glaube, es gibt im zentralen Ansager*innen-Terminal einen geheimen Katalog der Begründungen: Kabelbrand, Kabeldiebstahl und wetterbedingter Weichendefekt scheinen jedenfalls hoch im Kurs zu stehen. Eine originelle Entschuldigung immerhin Mitte November: «Ein Staatsbesuch ist in Berlin, deshalb kommt es auf den S-Bahnlinien (meiner Erinnerung nach werden alle genannt) zu unvorhersehbaren Verspätungen.» Auf dem vollen Bahnsteig sehen sich die Leute ungläubig an bis eine ziemlich schlecht gelaunte Dame dem Volksmund Stimme verleiht und unmissverständlich ihren Unmut von der Leine lässt: «Als ob die Typen mit die S-Bahn fahrn tun!» (Erst abends höre ich, dass wirklich Erdoğan in der Stadt war.)

Radiofeature von Ingeborg Bachmann über Marcel Proust (1958) und sein schriftstellerisches Vermögen, symbolische Verteilungs-, Gestaltungs- und Teilhabeschlachten in einem gegebenen Gemeinwesen grundstürzend zu analysieren und zugleich als schlichte Konkretisierungen von etwas Immerwährendem greifbar zu machen. Bachmanns Befund: In stupender Weise enthülle er Gesetzlichkeiten und überführe sie in eine Gesamtschau der Conditio Humana: «Die Ausgeschlossenen möchten Auserwählte werden. Die Auserwählten verteidigen ihre Vorrechte und strafen die Ausgeschlossenen mit Verachtung. An welchen sozialen Gruppen und in welcher Zeit Proust dabei seine Beobachtungen anstellt bleibt gleichgültig. Seine Schlussfolgerungen sind allgemeingültig.» Bachmann lesen (oder hören) lehrt (relative) Gelassenheit gegenüber den Aufgeregtheiten manch symbolischer Verteilungs-, Gestaltungs- und Teilhabeschlachten des gerade gegebenen Augenblicks.

Verbot der Heiligen Schrift als Schullektüre und Entfernung aller Exemplare aus den Schulbibliotheken. So geschehen in einem Schulbezirk in Utah. Grundlage ist ein Gesetz, nach dem Bücher und Filme mit «pornografischen und unanständigen Inhalten» aus den Schulen verbannt werden sollten, und die Bibel sei nun einmal, einer erfolgreichen Eingabe ultrakonservativer und christlicher (!) Elternvertreter bei der zuständigen Schulverwaltung zufolge, sexuell überdeterminiert. Sie sei voller Inzest, Masturbation, sexuellen Handlungen mit Tieren, Prostitution, Genitalverstümmelung, Oralverkehr, Dildos, Vergewaltigung und sogar Kindsmord.

Monchi (Feine Sahne Fischfilet) erklärt bei einem Protestauftritt im thüringischen Sonneberg, nachdem dort erstmals ein AfD-Vertreter regulär zum Landrat gewählt wurde: «Auf jeden Fall wählen gehen und natürlich keine Faschos! Denn nur weil das Bier in der Kneipe nicht schmeckt, renne ich ja auch nicht aufs Klo und saufe aus der Pissrinne.»

Ein Bekannter und Kollege, der mehrfach im Jahr im Nahen Osten ist, Freunde und Verwandte ebenso in Israel, wie in Gaza und Ramallah hat, erzählt bei einem sommerlichen Picknick, dass sich rund um das Haus des Legislativrat (Palestinian Legislative Council) in Gaza-Stadt der Müll türmt, zum einen weil es gar keine reguläre Müllabfuhr gibt, zum zweiten weil es niemanden stört und zum dritten, weil sowieso niemand versuchen würde, die Türen zu dem Gebäude mal zu öffnen. Er fragt, ob jemand in der Runde wisse, wann es in Gaza zum letzten Mal Wahlen gab. Ich weiß es nicht. Ebenso wenig weiß es jemand anders, aber dass das am 25. Januar 2006 der Fall war, will niemand glauben.

Natalie Amiris Verwunderung darüber, dass Personen, die vor ein paar Monaten mit den besten nur irgendwie denkbaren Gründen gegen die Femizide des iranischen Terrorregimes demonstrierten, sich plötzlich am Überfall der Hamas am 7. Oktober auf israelische Zivilisten delektieren, der als nur vorläufig (!) größter dieser Art vom Iran befeuert, finanziert und orchestriert wurde. Amiris These: es ist vermutlich der zentrale blinde Fleck des postkolonialen Antijudaismus, keinen Zusammenhang sehen zu wollen bzw. herstellen zu können zwischen dem brutalen Niedertrampeln der iranischen Opposition und dem abartigen Blutrausch der Hamas. Oder weiter gedacht: das Agieren der Terrorgruppe am 7. Oktober wurde überhaupt nur möglich, weil das iranische Regime sich innenpolitisch wieder gefestigt hat, sich unangreifbar wähnt und außenpolitisch unwidersprochen unter der Flagge des Antiwestlichen segelt. Warum, verdammt noch mal, wundert sich eigentlich niemand darüber??? Augen auf bei der Wahl der Nachbarschaft!!! In diesem Zusammenhang will ich mir, wie es in Godards FOREVER MOZART (1996) hieß, ein unkaputtbares Misstrauen gegen jede, wie auch immer sich gebärdende Gewaltrhetorik leisten: «Einen Menschen zu töten, um eine Idee zu verteidigen, bedeutet nicht, eine Idee zu verteidigen, sondern einen Menschen zu töten.»

Immer wieder hilfreich um den inneren Kompass auszurichten, Max Frischs Fragebögen. Nach verschiedenen Möglichkeiten, wie mit Tagen herabgesetzter Hoffnung zu verfahren sei, fragt Frisch, worauf man angesichts der Weltlage am ehesten hoffen wolle: «(a) auf die Vernunft, (b) auf ein Wunder, (c) dass es weitergeht wie bisher». Und später: «Keine Revolution hat je die Hoffnung derer, die sie gemacht haben, vollkommen erfüllt; leiten Sie aus dieser Tatsache ab, dass die große Hoffnung lächerlich ist, dass Revolution sich erübrigt, dass nur der Hoffnungslose sich Enttäuschungen erspart usw, und was erhoffen Sie sich von solcher Ersparnis?»

 

 

Theodor Frisorger

Noch nie so viel öffentlich-rechtliches Fernsehen geschaut wie in diesem Jahr. Aber überwiegend Archiviertes für die Arbeit. Das heißt: Von den Dritten Programmen produzierte oder eingekaufte Reportagen über Filmdreharbeiten. Also alles zwischen filmvermittelndem Film und peinlichen Provinznachrichten. Dementsprechend auch viel im Archiv gewesen. Anfangs noch wenig gewusst über dieses westdeutsche Fernsehen der 1950er, 60er und 70er Jahre. Inzwischen ist immerhin die Kenntnis um die eigenen Wissenslücken gestiegen. Was vom Jahr bleibt sind Fragen und Arbeitsaufträge fürs Kommende.

Nach der Berlinale – noch inspiriert vom Fiktionsbescheinigung-Programm – rumfantasiert, dass man mit diesen Fernseharchiven doch Mediengeschichte als Migrationsgeschichte aufarbeiten könnte. So hatte ich das schließlich im Studium gelernt und das Projekt Die Fünfte Wand hatte es zuletzt gerade nochmal vorgemacht.

In den archivierten Making-of-Fernsehbeiträgen ging es primär aber darum, Deutschsein überhaupt wiederherzustellen. Zum Beispiel: Billy Wilder dreht Eins, Zwei, Drei (1961) in den Bavaria Filmstudios. Die WDR-Reporter:innen vor Ort wollen –  nicht drei, nicht zwei  –  sondern nur eins ganz genau wissen: «Wie unterscheidet sich Wilder von den Deutschen?» Aber in jedem Fall ist man froh, dass er da ist («Jetzt endlich macht er den ersten Film bei uns!»). Internationale Filmproduktionen als post_faschistische Teilhabe an Mondialität. Der Bayrische Rundfunk geht noch einen Schritt zurück: Dort geht es nicht um Billy Wilder, sondern man markiert minutiös die Nationalitäten der vielen grips und Arbeiter:innen, die in Geiselgasteig die Filmkulisse des Brandenburger Tors errichten. Fazit des BR: «Die meisten haben keine Ahnung von dem Bauwerk das sie da zusammenbasteln – von seinem symbolischen Sinn für uns alle

Erneut München, aber Jahre später: Der WDR lässt sich von Geräuschemacher Mel Kutbay ausführlich erklären, wie er für die Nachvertonung von Filmen artifizielle Klänge herstellt. Beim anschließenden Feierabendbier kippt das Gespräch unvermittelt von der Filmtrickserei zum real talk: Kutbay narrativiert seine Erwerbsbiografie von Synchronsprecher zu Foley als eine Migrationsbewegung von der Türkei nach Deutschland. Sein Zwischenfazit: Er ist zufrieden mit dem Geld, das er bekommt, aber an Anerkennung mangelt es.

Nächstes Jahr dann also noch mehr und genauer fern sehen, und hoffentlich auch mehr Kino.

 

 

Nacim Ghanbari

Die Freude über jede einzelne gelungene Flucht. Willkommen: Atena Daemi und Sareh Sedighi-Hamadani!

 

 

Günter Hack

Viennale-Premiere von Hayao Miyazakis The Boy and the Heron. Seit Beginn des Covidozäns meide ich Kinos, aber ich war eingeladen und durfte Ms. K. mitbringen, also: Maske auf und rein ins Vergnügen. Doch ebendieses wird sehr schnell von einem der zentralen Aspekte der Erzählung getrübt. Leider mag ich Vögel, bei Miyazaki sind sie aber alle irgendwie böse – oder eben Masken, durch die das Böse atmet. Wer auf die Idee kommt, ausgerechnet Sittiche als faschistoide Antagonisten zu installieren, kann eigentlich nur sehr lange unfreiwillig direkt neben einer Kolonie Halsbandsittiche gewohnt haben. Wie ich später aus einem Anime-Nerd-Artikel erfahre, handelt der Film unter anderem von der Angst Miyazakis, von der jungen Generation vergessen zu werden. Diese Angst, so der Nerd, sei berechtigt, zumal Miyazaki in seinem Heimatland längst von jüngeren Anime-Künstlern wie Makoto Shinkai überflügelt worden sei. Okay, denke ich, eine Generation, die auch nur darüber nachdenken kann, einen wie Hayao Miyazaki zu vergessen, der immerhin jahrelang neben einer unablässig vor sich hinkreischenden Kolonie Halsbandsittiche gelebt, geliebt und gezeichnet haben muss, fällt der Klimakatastrophe vielleicht doch nicht ganz zu unrecht anheim. Das wäre so, als würde ich Brian Eno, Moebius und William Gibson vergessen wollen. Miyazaki produziert einen Eskapismus, der sein Publikum mit elliptischem Schwung auf die Realität zurückverweist. Er ist kein Genre-Kasper, sondern ein zeitgenössischer Künstler. Zeitgenössische Kunst ist in einer Zeit, deren Genossen absolut unerträglich sind, gerade dann kaum auszuhalten, wenn sie von Meistern wie Miyazaki vorgetragen wird. Es kostet sehr viel Kraft, sich unter diesen Umständen nicht in Trash oder – noch schlimmer – Retro-Ästhetik flüchten zu wollen. Diese Kraft wünsche ich allen hier Lesenden für 2024 von Herzen.

 

 

Felix Hasebrink

Hollywood liegt auch in Bottrop-Kirchhellen. Genauer: An der Regionalbahnhaltestelle Feldhausen, rund 10km nördlich von Gladbeck. Auf 45 Hektar betreibt das spanische Unternehmen Parques Reunidos hier den Movie Park Germany. Das Motto des Freizeitparks lautet «Hollywood in Germany», wie schon 1996, als das Areal unter dem Namen «Warner Bros. Movie World» eröffnet wurde. Achterbahnen und Warner-Lizenzen waren der damaligen Landesregierung einen Zuschuss von 62 Millionen D-Mark wert. Ein typisches Investitionsobjekt der 1990er Jahre also, mit dem ruhrgebietsüblichen Mix aus Minderwertigkeitsgefühl und Größenwahn realisiert.

An einem nass-kalten Oktobertag im Herbst 2023 sieht der Movie Park natürlich so gar nicht nach Kalifornien aus. Freund*innen, mit denen ich ein Filmfestival in Bochum organisiere, hatten mir im Sommer zum Abschluss meiner Promotion einen gemeinsamen Ausflug in den Park geschenkt. Zuvor hatte ich fünf Jahre damit verbracht, eine Arbeit über Making-ofs zu schreiben. Eine Eintrittskarte für den Movie Park war deshalb ein nicht ganz ernst gemeintes, aber irgendwie auch sehr passendes Geschenk. Immerhin wirbt der Park auf seiner Internetseite mit reichlich Making-of-Momenten: Besucher*innen dürfen sich «in insgesamt sieben Themenbereichen in die Welt des Films entführen» lassen, «von Set zu Set» touren, «Stars und Sternchen» treffen und «Teil von Action-Blockbustern» werden.

Unweigerlich fragt man sich, wie der Park diesem Anspruch in Bottrop-Kirchhellen gerecht werden will. Der Eingangsbereich im Art-déco-Stil soll an die Tore zu US-Filmstudios erinnern (bzw. an die Eingänge zu Filmstudio-Freizeitparks, Vorbild war wohl das Tor zu den Universal Studios). Der Boden ist ziegelrot gepflastert, neben den Eingangsgebäuden wachsen Palmen. Ein zentraler Platz mit Filmstreifen-Springbrunnen aus Messing führt auf eine Fassadenstraße im Stil einer US-Kleinstadt. Laut Parkplan handelt es sich um den Themenbereich «Hollywood Street Set». Dort vor allem: Souvenirshops, Imbissbuden, Arcade Games, ein 4D-Kino. Außer uns sind an diesem Freitagvormittag nur wenige Besucher*innen im Park, was auch am angekündigten Dauerregen liegen könnte.

Uns fällt auf, dass «Hollywood in Germany» zunächst vor allem zu hören ist: Aus Lautsprechern ertönt Filmmusik in Dauerschleife. In der Luft hängt der Geruch von Popcorn und Zuckerwatte.

Einige Fahrgeschäfte sind nur lose an das Parkthema angelehnt, andere setzen es dagegen sehr konsequent um. Dazu gehört die «Movie Park Studio Tour», unsere zweite Achterbahn des Tages. Im Wartebereich erklärt der Regisseur «Steven Thrillberg» den Besucher*innen auf mehreren Videobildschirmen, dass sie als Kompars*innen bei seinem nächsten «Blockbuster» mitmachen dürfen. Regieassistent «Andy», mit Klemmbrett und Baseball-Mütze ausstaffiert, gibt als Hologram-Projektion einige Sicherheitshinweise. Dann beginnt die eigentliche Tour: eine Achterbahnfahrt durch ein stilisiertes Filmset.

Klar – man kann das alles fürchterlich albern finden, und irgendwie ist es das ja auch. Wir beschließen aber, uns voll auf das Behind-the-Scenes-Thema einzulassen und eine gute Zeit zu haben. Die Studio-Tour-Achterbahn ist super, die Star Trek-Bahn in der Themenwelt nebenan sogar noch besser. Ironisch Achterbahnfahren geht sowieso nicht, der Adrenalin-Kick lässt jede spöttische Distanzierung sofort verpuffen. Ein Freund kauft sich einen Souvenirbecher in einem Shop, der kleine Filmklappen-Aufsteller oder Oscar-Statuen fürs eigene Wohnzimmer anbietet.

Wenn man die Themenausrichtung des Parks für einen Moment ernstnimmt, fallen interessante Bezugspunkte zu anderen Medienphänomenen ins Auge. So beobachtet die englische Filmwissenschaftlerin Sarah Atkinson seit längerem die Tendenz, einem Film- oder Serienpublikum an unterschiedlichen Orten kontrollierte Zugänge zu einem simulierten Filmproduktionsraum zu gewähren. Atkinson tauft dieses Phänomen «Simulacinema», ein Kofferwort aus «Simulation» und «Cinema». Ein Beispiel sind für sie die Shows des Londoner Unternehmens Secret Cinema. Die Eventfirma baut Welten aus bekannten Filmen aufwändig nach und führt in den Kulissen die jeweiligen Filme vor. Secret Cinema verspricht den Show-Besucher*innen ein einmaliges, «immersives» Filmerlebnis. Atkinson argumentiert, dass die Gäste bei den Secret-Cinema-Events aber weniger in bekannte diegetische Welten eintauchen, sondern vielmehr in die Produktionsräume, die notwendig sind, um solche Welten technisch überhaupt umzusetzen. Das Publikum einer Back to the Future-Vorführung im Londoner Olympic Park sah sich, so Atkinson, mutmaßlich weniger in das fiktive Kleinstädtchen Hill Valley hineinversetzt als in ein simuliertes Set des ersten Back to the Future-Films.

Während meine Freund*innen und ich durch den Regen von Achterbahn zu Achterbahn laufen, scheint mir Atkinsons Simulacinema ein ziemlich treffender Ausdruck für das, was der Movie Park seinen Besucher*innen verspricht: «Teil» von «Blockbustern» zu werden, zugleich aber auch die dazugehörigen Filmproduktionsräume hautnah zu erleben, und zwar nicht in Hollywood oder London, sondern im nördlichen Ruhrgebiet.

Die Umgestaltung von Filmstudios in Vergnügungsparks hat eine lange Geschichte. Der Movie Park versucht, an diese Tradition anzuknüpfen. Gewissermaßen wurde in Bottrop der umgekehrte Weg der US-Vorbilder beschritten: nicht vom Studio zum Freizeitpark, eher vom Freizeitpark zum Studio. Zeitweise wurde neben dem Parkareal ein Gebäudekomplex betrieben, in dem Innenaufnahmen für reale Filmproduktionen gedreht wurden. Davon ist im heutigen Movie Park kurioserweise aber nichts mehr zu sehen. Filmproduktion muss für die Parkdesigner offenbar möglichst amerikanisch klingen und sich möglichst amerikanisch anfühlen. Auch die Stunt-Show «Operation Red Carpet», die wir um die Mittagszeit besuchen (es regnet immer noch, die Zuschauertribünen sind überdacht), spielt vor einer Kulisse, die irgendwie an einen US-amerikanischen Straßenzug erinnern soll. Die Story der Show ist unmöglich zusammenzufassen. Es geht um eine «Award Gang», die Filmpreise klaut. Polizeiautos und Motorräder rasen knatternd durcheinander, ein Polizist stellt sich tollpatschig an, ein Hausdach explodiert, und der Kopf der Bande ist am Ende – big reveal! – der Moderator, der dem Publikum auf den Rängen zu Beginn ordentlich einheizt.

Später erfahre ich nach zehn Minuten Online-Recherche, dass die Darsteller*innen zum italienischen «Folco Stunt Team» gehören, der E-Gitarren-lastige Soundtrack von einem mittelständischen Unternehmen aus Paderborn produziert wurde und die Fassaden von einer niederländischen Baufirma gestaltet wurden, die auf künstliche Themenwelten für Freizeitparks und Shopping Malls spezialisiert ist. So ganz wollen diese europäische Synergieeffekte in der Summe aber nicht zusammenpassen. Noch auf den hintersten Plätzen ist gut zu erkennen, dass die Lippenbewegungen der italienischen Stuntleute nicht mal entfernt zu den deutschen Dialogen passen.

Als wir nachmittags ein weiteres Mal vor dem Sturzregen flüchten, dieses Mal in das 4D-Kino auf dem «Hollywood Street Set», muss ich beim Betrachten der falschen Häuserfassaden an die berühmten Notizen von Jean Baudrillard über Disneyland denken. Die Anlage im kalifornischen Anaheim, Prototyp des modernen Themenparks, ist bei Baudrillard der Zielpunkt einer fiebrigen Argumentationskette: Disneyland ist ein Sammelsurium imaginärer Themenwelten. Das ist den Besucher*innen aber durchaus bewusst. Jede*r sieht sofort, dass «Fantasyland», «Frontierland» oder «Main Street, USA» aus Holz- und Kunststoffattrappen bestehen. Dadurch erfüllen sie aber die versteckte Funktion, Los Angeles und die übrige USA ringsherum als etwas «Reales» auszugeben, was sie, behauptet Baudrillard, aber schon längst nicht mehr sind. Disneyland ist notwendig, um das «Realitätsprinzip» inmitten einer «Ordnung des Hyperrealen und der Simulation» zu retten.

Von allen Film- und Medienerlebnissen des Jahres 2023 bleibt mir der verregnete Tag im Movie Park besonders im Gedächtnis, weil er mit einer Frage verbunden ist: Warum um alles in der Welt dieses Getue um Hollywood, um Filmstudios und Filmproduktion an einem so unwahrscheinlichen Ort wie Bottrop-Kirchhellen? Welches Realitätsprinzip wird eigentlich im Movie Park gerettet? Vielleicht erfüllen die simulierten Filmproduktionsräume eine ähnliche Funktion wie Disneyland für Baudrillard: In ihrer offensichtlichen Künstlichkeit, in der himmelschreienden Diskrepanz zwischen Bottrop und Hollywood kaschieren sie, dass die Art von Filmproduktion, die sie evozieren, weder in Kalifornien noch sonst irgendwo auf der Welt wirklich so stattfindet. Es gibt da draußen kein Filmset eines realen Steven Thrillberg, das irgendwie so aussehen würde wie in der Studio-Tour-Achterbahn, schon gar nicht in Los Angeles, wo heute sowieso kaum noch Spielfilme produziert werden. Folgt man John Caldwell in seinem jüngsten Buch Specworld, dann hat Filmproduktion aktuell weitaus mehr mit computergestützter Designarbeit, spekulativer intellectual property, Gig-Economy-freelancing und vorrübergehenden Projektpartnerschaften zu tun, und zwar ironischerweise gerade zwischen solchen unscheinbaren Unternehmen, die an der Umsetzung der Movie-Park-Stunt-Show beteiligt waren.

Dass ich jetzt, am Ende des Jahres, wieder an den Tag im Movie Park zurückdenken muss, liegt auch an einem Kurzurlaub im Dezember, der mir die Gelegenheit gab, ein anderes, ungleich erfolgreicheres Simulacinema-Projekt von Warner Bros. Discovery Inc. zu besichtigen. Der Medienkonzern betreibt in einem Gewerbepark bei London die Leavesden Studios, die auch die «Warner Bros. Studio Tour – The Making of Harry Potter» beherbergen (nebenan lässt Warner mittlerweile seine internationalen Prestige-Produktionen drehen, zuletzt etwa The Batman oder Barbie). Die Harry Potter-Tour bietet auf den ersten Blick das, was der Movie Park nur unbeholfen nachahmen kann: echte Kostüme und Props, reale Bauten und ‹authentische› Set Pieces. Auf Hinweistafeln ist allerdings zu lesen, dass einige Ausstellungsstücke für die Studio Tour neu gebaut wurden. Und ihr Arrangement als museale Schauanordnung entspricht natürlich nicht realen Filmsets. ‹Echtheit› und ‹Originalcharakter› sind auch in Leavesden dehnbare Begriffe. In diesem Punkt sind Bottrop, London und Hollywood vielleicht doch gar nicht so weit voneinander entfernt.

 

 

Vinzenz Hediger

Zur sich rasch entfaltenden «neuen Weltordnung der Kulturproduktion» (Fatima Bhutto) gehört auch, dass die internationale Kunstwelt neue Schwerpunkte und Zentren in Asien entwickelt. Der Einkauf großer Marken wie Louvre, Guggenheim und die Einrichtung neuer Kunstbiennalen wie der Biennale von Sharjah die Emirate folgt dabei noch der Luxus-Shopping-Strategie, die man auch aus dem Sport kennt (man denke an Christiano Ronaldo in Saudi Arabien) und mit der Petro-Diktaturen sich auf die Zeit nach dem Ende der fossilen Ära einzustellen versuchen. Dagegen ist an sich nichts einzuwenden; Luxusshopping ist immer noch besser als Luxusshopping in Verbindung mit imperialen Eroberungskriegen, wie es Russland praktiziert. Interessanter sind aber Veranstaltungen wie die Kochi-Muziris Biennale in Fort Kochi, Kerala, Indien. Kerala mit 35 Millionen Einwohnern auf der Fläche Belgiens ist ein relativ kleiner Teilstaat, regiert seit Jahrzehnten im Wechsel vom Kongress oder der kommunistischen Partei (mit dem Zusatz «Marxist», um sie von den Maoisten zu unterscheiden). Die Kommunisten agieren hier wie europäische Sozialdemokraten, wozu unter anderem gehört, dass sie Wahlniederlagen akzeptieren. Kerala hat eine Alphabetisierungsrate von 98% und eine öffentliches Gesundheitssystem mit einer besseren Grundversorgung als die USA. Zu den Initiativen der öffentlichen Hand in Kerala gehört auch die Kochi Biennale, die vom Staat getragen wird, zusammen mit Unternehmern wie dem aus Kerala gebürtigen, aber zunächst in Abu Dhabi reich gewordenen Shopping-Mall-Magnaten M.A. Yussuf Ali, Betreiber der Lulu-Malls (diejenige in Kochi soll mittlerweile täglich mehr Besucher anziehen als der Taj Mahal). Für die Biennale werden die alten Lagerhäuser in Fort Kochi, der kolonialen Hafenstadt, in der unter anderem die erste Grabstätte von Vasco da Gama und die älteste Synagoge Indiens zu finden sind, in Ausstellungshallen umgewandelt. Zu sehen waren in der von Shubigi Rao kuratierten Ausstellung auch Werke internationaler blue chip-Künstler wie Joan Jonas, Anish Kapoor oder William Kentridge, vor allem aber Künstler:innen aus Indien, Afrika und anderen Teilen Asiens. Mit zum Ausstellungskonzept gehören Räume, in denen Arbeiten von Kunstschulabsolvent:innen aus Indien zu sehen sind. Entdeckungen wie die Photographien und Videoinstallationen der pakistanischen Künstlerin Madiha Ajiaz waren hier zu machen; die nächste Ausgabe folgt 2024-25.

Mycelial Legacies war der Titel einer Ausstellung im Januar und Februar 2023 im Bikaner House in Delhi mit Arbeiten von Künstlerinnen, deren Gemeinsamkeit darin besteht, dass sie die Kunstschule von Baroda in Gujarat absolviert hatten. Besonders heraus stachen die digitalen Montagen von Familienfotos von Sukanyia Ghosh und die found footage-Filmarbeiten von Ayisha Abraham (letztere im April 2024 zu sehen in der Studiengalerie 1.357 an der Goethe Universität Frankfurt).

Pathaan, der erste Film seit fünf Jahren von Shah Rukh Khan, dem Superstar des Hindi-Kinos, war in Indien auch ein politisches Ereignis. Manche warfen dem Action-Thriller um einen patriotischen Geheimagenten muslimischer Herkunft, der Indien vor dem Untergang rettet, seinen affirmativen Nationalismus vor, während andere den Film als Gegenposition zum ethnoreligiösen Hindu-Nationalismus des aktuellen Premierministers lasen. Die ganze Debatte lässt sich in filmwissenschaftlicher Sicht in einem von Ranjani Mazumdar von der JNU in Delhi herausgegebenen Themenheft von «Bioscope» nachlesen, das zum Jahresende erschienen ist.

Mortu Nega (Die der Tod zurückwies) von Flora Gomes (Guinea-Bissau 1988) im Beisein des Regisseurs, gezeigt in der Cimathek in Kairo im Rahmen der Tagung «Film Act: Third Cinema and Its Legacies»: Eine zu wenig bekannte poetische Chronik des Unabhängigkeitskriegs von Portugal. Flora Gomes im anschließenden Publikumsgespräch: «Wer nichts von Afrika weiß, weiß gar nichts, denn hier hat alles angefangen.»

The Black Book von Editi Effiong ist, so weit den Selbstdeklarationen von Netflix Glauben geschenkt werden darf, der bislang erfolgreichste auf der Streaming-Plattform vertriebene Film aus Nigeria. The Black Book erzählt die Geschichte des Rachefeldzugs eines Geistlichen, dessen Sohn von einer paramilitärischen Organisation ermordet wird, gegen ein Netzwerk von Rohstoff- und Drogenhändlnern, das von einem ehemaligen General geleitet wird und dem, wie wir im Laufe des Films erfahren, einst auch der Protagonist selbst angehörte. Ins Bild gesetzt von Kameramann Yinka Edwards, dem wichtigsten visuellen Stilisten des nigerianischen Kinos der letzten zwanzig Jahre, lebt The Black Book vom Charisma seines männlichen Stars Richard Mofe-Damijo und überraschenden Wendungen wie dem Auftritt einer bis auf die Zähne bewaffneten muslimischen Frauenguerilla im Finale des Films. The Black Book erinnert nicht zuletzt an die Genre-Filme des koreanischen Kinos der späten 1990er und frühen 2000er wie Kang Je-gyus Shiri von 1999 oder Park Chan-Wooks Joint Security Area von 2000, welche den Action-Thriller nutzten um zuvor tabuisierten historischen Ereignisse und Konflikte – in Korea natürlich die Trennung des Landes in einen nördlichen und südlichen Teil – die Form einer Erzählung zu geben. The Black Book beschreibt Nigeria als Gerontokratie korrupter Generäle, die sich von der Demokratie ihren Anspruch auf die Kontrolle von Ressourcen- und Geldströmen nicht streitig machen lassen wollen und entwirft das utopische Szenario einer Heilung des Systems von Innen. Es wird interessant sein zu sehen, ob und in welche Richtung diese politische Phantasie im Kino weiter entwickelt wird.

My Name is Barbra, die Autobiographie von Barbra Streisand, erschien rechtzeitig zu und quasi aus Anlass von Critical Barbra, der ersten großen internationalen Tagung zu Streisand in Frankfurt im Dezember 2023. Wer von der Autobiographie vor allem Gossip erwartet, wird keineswegs enttäuscht. Tatsächlich aber lässt sich das Buch am besten beschreiben als ein als Selbstgespräch angelegtes Gegenstück zu Truffauts Hitchcock-Buch. «Wie habe ich das gemacht, Barbra?» wäre auch ein möglicher Titel. Man erfährt unter anderem, dass Streisand bei all ihren Filmen seit Funny Girl von 1968 (eigentlich ein Film von William Wyler) faktisch zumindest Ko-Regie geführt hat, man erfährt alles technisch Wissenswerte über die Arbeit an ihren Studioalben und alles über die Filme, die Barbra nicht gemacht hat: von They Shoot Horses, Don’t They? über Klute bis zu dem Film nach dem Bühnenstück The Normal Heart von AIDS-Aktivist und Dramatiker Larry Kramer, der mehrfach fast realisiert wurde und schließlich von Ryan Murphy als HBO-Film ohne Barbra herauskam. Barbra-Hasser (ob nun motiviert durch Misogynie oder Antisemitismus) wird die Lektüre dieses Textes nicht bekehren. Wer, wie einst Glenn Gould, Streisand für die größte Stimme des 20. Jahrhunderts neben Elisabeth Schwarzkopf und die größte Sängerin-Darstellerin neben Callas hält, wird reich beschenkt. Und wer Barbra weder richtig kennt noch liebt, kann sich hier eines besseren besinnen.

Einst gab es in Frankreich die «Littérature d’Orsay» die von Diplomaten mit Anstellung im Außenministerium am Quay d’Orsay wie Paul Morand, Jean Giraudoux oder Romain Gary geschriebene Literatur. Nun bricht die Ära der «Littérature de science-po» an, die Literatur, die von Professoren an der Elitehochschule für Politikwissenschaft geschrieben wird. Zumindest hat der italo-schweizerische Politikwissenschaftler Giuliano da Empoli einen Anfang gemacht. 2022 erschein sein Roman Le Mage du Kremlin, 2023 sein buchlanger Essay «Les ingénieurs du chaos» (beide auch auf Deutsch erschienen). Da Empoli interessiert sich für die Figur des politischen Agitators, der die digitalen Netzwerke für den Aufbau das ideologische Spektrum umspannenden Allianzen nutzt, die den Zorn des sich in jeweils unterschiedlichen Konfigurationen verfassenden demos für die Destabilisierung der liberlaen Demokratie zu nutzen versuchen. In «Les ingénieurs du chaos» sind das etwa Steve Bannon, Dominic Cummings oder Milo Yannopopulos. Da Empolis These lautet, dass die Logik der «fake news» und der Trolling im Internet mit Bakhtin besser zu verstehen ist als mit Habermas: Zorn als Treibstoff eines umstürzlerischen Treibens, in dem alle bisherigen Hierarchien und Argumentationsformen in einem attraktiven, weil unterhaltsamen politischen Karneval suspendiert und auf den Kopf gestellt werden. In Le Mage du Kremlin steht die Figur eines ehemaligen Theaterregisseurs im Zentrum, der zum Chefideologen und Medienadministrator Putins wird und dem Wladislaw Jurjewitsch Surkowals reales Vorbild dient. Als «Roman» tritt im französischen Verlagsgeschäft bekanntlich alles auf, was nicht eindeutig in den Bereich der Ratgeberliteratur gehört oder eine wissenschaftliche Publikation ist. Le Mage du Kremlin lässt sich auch als Dokudrama beschreiben, gemäß der alten Formel des fiktionalen Aufbereitung von Aktualität als «last resort of journalism». Der Blick von Da Empolis Ich-Erzähler ist am französischen Moralismus des 18. Jahrhunderts geschult, dessen Vertreter wie La Bruyère auch fleißig zitiert werden, in der Form spielt das Buch auf die «Conversations de St. Petersbourg» des französischen Reaktionärs Joseph de Maîstre an. Für deutsche Medienwissenschaftler hält das Buch al Bonus am Höhepunkt eine Metaphysik des Digitalen bereit, die ganz im Sinne Kittlers das liberale Subjekt in der vertikalen Machstruktur der Technik verschwinden lässt. Im Ergebnis ist das Buch dann ein Stück von süffig-eleganter Autoritarismus-Pornographie und eine schöne Illustration der Einsicht, dass das Politische an der Literatur immer der Stil ist.

Zu lesen wäre Da Empoli unter anderem parallel zu The Russo-Ukrainian War von Serhii Plokhy, dem aus Dipro gebürtigen Historiker, der seit einigen Jahren in Harvard ukrainische Geschichte lehrt: Geschichtsschreibung der Gegenwart, von den Demokratiebewegungen der 1990er und 2000er in der Ukraine bis zum Stand des russischen Angriffskriegs im Frühjahr 2023. Oder auch parallel zu Die Moskau-Connection. Das Schröder-Netzwerk und Deutschlands Weg in die Abhängigkeit von Reinhard Bingener und Markus Wehner: ein hilfreiches Kompendium von Porträts deutscher Politiker, die für die Magier Da Empolis leichte Beute waren und den Moment für einen würdevollen Abschied aus dem öffentlichen Leben verpasst haben und.

 

 

Stephan Herczeg

Erstaunliche Fehlwahrnehmung, mir einzubilden, 2023 viel im Kino gewesen zu sein. Der Online-Kalender weist allerdings nicht besonders viele Kinobesuche aus. In guter Erinnerung geblieben sind mir Aftersun von Charlotte Wels, Pacifiction von Albert Serra, Unruh von Cyril Schäublin, Past Lives von Celine Song, Anatomie d’une chute von Justine Triet, Nostalgia von Mario Martone, Music von Angela Schanelec, Bis ans Ende der Nacht von Christoph Hochhäusler und Un Prince von Pierre Creton.

Serien habe ich auch geschaut, das übliche Zeug, die letzten Staffeln von White Lotus und Succession. Und mit dreijähriger Verspätung Normal People, wegen Paul Mescal. Sambre, eine französische True-Crime-Serie, die kürzlich auf France 2 lief, fand ich auch sehr gut. Ärgerlichste und schrottigste Serie auf jeden Fall The Idol mit Lily-Rose Depp und The Weeknd. Leider auch die, an die ich mich am besten erinnern kann. Scheint also doch was gehabt zu haben.

Ausstellungen: Julio González und Ignacio Pinazo in Valencia, Lucian Freud in Madrid, Christian Marclay, van Gogh, Modigliani, de Staël, Peter Doig und Issy Wood in Paris, Zuloaga und Turner in München.

Ein paar Januartage in Bremen und Hamburg verbracht, zwei Maiwochen in Valencia und Madrid, sechs Herbstwochen in Paris. In Paris Dauerdoomscrolling aufgrund der Ereignisse in Nahost. Das hat mich fast wahnsinnig gemacht. Blöderweise erwies sich, trotz meiner Boykottbemühungen, dann doch wieder X/Twitter als schnellste und umfänglichste Nachrichtenquelle. Aber auch als schockierendste und fake-news-anfälligste.

Zum Runterkommen mir sechs Wochen lang jeden Abend die Doppelfolge N’oubliez pas les paroles angesehen. Das ist die beliebteste Vorabendquizshow im französischen Fernsehen, bei der es darum geht, die Lyrics französischen Liedguts, von Edit Piaf über Michel Sardou, Céline Dion oder Stromae bis hin zu PNL, möglichst auswendig mitsingen zu können. Mathematikstudent Laurens aus Montpellier hat nach dreijähriger Vorbereitung fünfzig Mal hintereinander gewonnen und sich 410.000 Euro erspielt.

Antworten auf die Frage «Und sonst so?»: Mir die Runway Shows von Balenciaga als höhere Kunstform schöngeredet, mich ein paar Wochen in eine kleine Affäre reingesteigert und nach den Covid-Jahren wieder angefangen, ins Theater und in die Philharmonie zu gehen. Also alles so einigermaßen okay.

 

 

Patrick Holzapfel

Niedergeschrieben, um vorzutäuschen, ich würde nicht vergessen:

Ein kurzes Rütteln, als würde sich die Erde räuspern oder einmal husten. So erlebe ich an einem frühen Morgen im Mai zum ersten Mal ein Erdbeben in den slowenischen Alpen. Keine Schäden, aber seither hat sich mein Verhältnis zur Erde unter mir verändert. Ich gehe jetzt auf einem Teppich, unter dem ich Falltüren vermute. 

Zwei Schattenküssende auf einem Bild von Edvard Munch. Ich stelle sie in die Sonne, aber sie bleiben im Schatten. Vielleicht ist dort das Glück, denke ich.  

An einer Skulptur von Helios sehe ich, dass seine Pferde nicht gern gen Sonne reiten. Sie sträuben sich, stellen ihre Vorderbeine auf. Ich frage mich, ob ich diesen Gott bewundern soll oder die Pferde bemitleiden. Warum verbrennen sie denn nicht? Pyrois, Eos, Aethon und Phlegon lauten ihre Namen.

Verstehe bei René Char den Zusammenhang von Sternen (astre) und Katastrophen (désastre).  

Ich höre zum ersten Mal von Memnosäulen, aber ich höre nicht den Ton, den sie angeblich von sich geben in den frühen Morgenstunden. Das Schweigen aus den Säulen verunsichert. Höre ich schlecht oder stehe ich neben der falschen Säule?  

Meine vom Wahnsinn geküsste Freundin, die Katze Persephone, wird überfahren. Die Scherze über Hades und die Unterwelt, die so leicht über die Zunge gingen, als sie noch lebte, verstummen in mir.

Ein Granatapfelbaum mit einigen verfaulten Früchten in Venedig und eine Salbeipflanze, die im Wind gegen das Fenster in Wien schlägt. Beide haben nichts gemeinsam, außer dass sie in der Erde stecken und Gerüche von sich geben, die mich am Leben halten.

Ich verirre mich im Nebel der Steiner Alpen, als ich versuche, zu den Sternen zu klettern. Durch das alles benetzenden Gewölk über mir, schwebt ein lautloser Adler. Ich sehe ihn kurz und merke, dass ich hilflos bin, so an der Erde haftend.

Auch in diesem Jahr meine Flugangst nicht überwunden, obwohl mir durchaus Flügel wuchsen. Ich denke nochmal an René Char, der davon schrieb, dass man Vögeln nicht mehr Flügel geben solle, als sie vertragen. Sonst würden sie uns gleichkommen, zu ihrem Unglück.

 

 

Felix Hüttemann

Mein Film- und Serienjahr in 6 Gängen

1. Gruß aus der Küche mise en bouche: The Bear Season 2 und The menu waren filmische Auseinandersetzungen mit der Kulinarik. Erwartbar hervorragend.

2. Kalte Vorspeise Hors d’œuvre froid: Dokumentarisches über Wein spielte aus verschiedenen Gründen eine große Rolle. Etwa das wiederholte Sehen von The Som, Red Obsession und des jüngst erschienenen  – und leider etwas verunglückten – Films Terroir. Der zweite Gruß aus der Küche Amuse-Gueule: Große Empfehlung: She Chef über den Aufstieg einer Köchin in der ansonsten immer noch recht patriarchalen Sterne-Gastronomie.

3. Warmes Zwischengericht Entrée chaude: The continental. Unerwartet kurzweilig und toller siebziger Jahre Soundtrack. Nach The last of us war monatelang kein unbefangener Umgang mit Pilzen möglich. Seitdem keine mehr gegessen.

4. Braten: Rôti: Beef. Großartige Serie über eskalierende Streitereien.

5. Warme Süßspeise: Entremets de douceur chaud: Barbie. Positiv überrascht und mit viel Freude gesehen. Mit The crown Season 6, the consultant und how to become a cult leader über Managementqualitäten nachgedacht.

6. Alles Käse  Entremets de fromage: Oppenheimer. War enttäuschend bombastisch und schwer verdaulich. A haunting in venice. Sehr darauf gefreut, leider langweilig. The fall of the house of usher. Edgar Allen Poe hätte sich mit Sicherheit vor der Serie gefürchtet.

 

 

Dominik Kamalzadeh

Ein Jahr der neuen Wege.

Eine Route führt mich im Juni nach Bologna, zum Cinema Ritrovato Festival, ein lang gehegter Wunsch. Von Graz über Nacht mit dem Zug, ein Sitzplatz neben fünf anderen im Abteil, weil dann doch zu spät gebucht. Am nächsten Morgen im Festivalzentrum der Cineteca, der einem Dorfplatz nachempfunden wirkt, mitsamt einer nie versiegenden Mineralwasserquelle, fühle ich mich sofort aufgenommen. Das ist endlich ein «Tribe», dem man gern angehören will.

In komplett vollen Kinos sah ich in den nächsten Tagen mehrere Filme von Ruben Mamoulian, einem bisher (von mir) zu wenig beachteten Hollywood-Pro mit armenischen Wurzeln (guilty pleasure: Silk Stockings (1957). Gharibeh va meh (The Stranger and the Fog, 1974) und Cherike-ye Tara (The Ballad of Tara, 1979) von Bahram Beyzaie beeindrucken mich nachhaltig. Die Mischung aus Symbolismus, Modernität und feministischem Furor des mittlerweile im Exil lebenden Regisseurs verblüfft mich; nichts erinnert an den Neorealismus, mit dem das iranischen Kino ansonsten verbunden wird. David Schickeles Bushman (1971) wird mir dringend empfohlen, ich kann ihn erst auf der Viennale nachholen. Ein weiterer Film des Jahres: In Vérité-Manier begleitet der Film einen nigearianischen Intellektuellen durch die Bay-Area San Franciscos um 1968 – eine hyperambivalente Zeit- und Milieustudie, die im letzten Viertel von der Realität richtiggehend verbrannt wird.

Im August dann Marseille, eine großartige Stadt, die mich nicht loslässt. Nach Tagen des Sightseeings und Strandbesuchen geh ich mit den Kindern zu Barbie ins Arthouse-Multiplex. Eine Verlegenheitslösung: Im Apartment mit der Terrasse ist der Müßiggang so groß, dass der Tag wie von selbst vergeht. Also ab ins Kino, damit man doch irgendetwas anderes tut. Wir hatten dann eh Spaß; dass am Ende Martel von diesem «brand renewal» am meisten profitiert, muss einem ja nicht gleich den Tag verderben. (Oppenheimer folgte im September, wieder mit den Kindern, auf 70mm im Gartenbau.)

In Graz bin ich jetzt ständig. Auf dem Weg dorthin, hoch oben am Semmering, versagt jedes Mal das Wlan. Neue Rituale, Mediumwechsel. War die steirische Hauptstadt bisher ein bisschen gschamig – oder war ich einfach ignorant? Je mehr ich entdecke, desto größer die Faszination, die Freude. Wir suchen Orte, wir treffen Menschen. Mit den Orten erschließt sich die Stadt, mit den Menschen das kulturelle Leben. In Herbert Müller-Guttenbrunns Kunst & Alphabet des anarchistischen Amateurs, das mir bei einem der Aufenthalte geschenkt wird, lese ich: «Daß wir alle in derselben Welt leben, ist eine völlig unbeweisbare Behauptung. Jeder lebt in einer anderen.» Viel wird in Zukunft davon abhängen, darauf etwas vernünftiger als bisher zu reagieren.

Filme und Musik, die mir dieses Jahr wichtig waren: Fallen Leaves von Aki Kaurismäki, Notre Corps von Claire Simon, Orlando, My Political Diary von Paul B. Preciado, Evil Does Not Exist von Ryusuke Hamaguchi, Wankostättn von Karin Berger und The Holdovers von Alexander Payne; Musik von Pharoah Sanders (Harvest Time), Moor Mother (auch live!), immer noch Jamie Branch und ganz am Ende dann oft auch Bar Italia.

 

 

Birgit Kellner

«das ist lustig / das ist schön / das ist das zugrundegehn». Niemand hilft mir, Konrad Bayer. Im Januar lassen wir, zu dritt, die Vertonung von Ronnie Urini (1982 ein Hit) auf einem verschneiten Schiff von einem Handy ertönen und singen dazu laut und fröhlich. # Im Mai die Luft in Madison, Wisconsin, von den Waldbränden aus Kanada leicht rauchig. Cocktails. # Die japanische Experimentalmusikerin Phew beim Donaufestival in Krems, ihre Stimme zu Elektronik hauchzart über perlend verspielt bis zu schmerzschrill. # Im Fediverse. # Masahiro Shinodas Demon Pond (Yashagaike, 1979) mit G. im Münchner Werkstattkino: Kollektive, die im Umgang mit Bedrohungen völlig versagen; ihr Untergang durch Überflutung. # Werner Korn ist verstorben. # In Beijing war das Schweigen über die Zeit der pandemischen Lockdowns laut. #   Fennesz im Kuppelsaal der TU Wien, später im Jahr noch einmal mit Stian Westerhus gemeinsam im rhiz. #  Automat, mit Gemma Ray, I was never here. # Emmanuel Carrères V13 über den Pariser Bataclan-Prozess, ein Hörspiel-Experiment des SWR dazu, das die beiden Richtungen Podcast-Serie und kürzeres Hörspiel zugleich verfolgte, Regie Leonhard Koppelmann, Sound von zeitblom. # Es gibt ein neues Album von Radian, und es heißt zeitgemäß Distorted Rooms. # In den Vatikanischen Museen hängt eine von Francis Bacons Studien zum Velázquez-Porträt von Papst Innozenz X. #  Dinge, die zu weit gingen. # Brian Eno und das Baltic Sea Philharmonic in der Berliner Philharmonie, The Ship. #  I’m set free to find another illusion.  # «X, vormals Twitter.» # Emeka Ogbohs Klanginstallation Der Kosmos – Things Fall Apart am Dach des Humboldt-Forums. # The sound itself is the common factor. # Georg Friedrich Haas’ mikrotonale Monumentalkomposition 11.000 Saiten für 50 im Raum verteilte Klaviere, im Konzerthaus beim Festival «Wien Modern»; der Senior-Kulturmanager, der gerührt seufzt, dass er noch erleben dürfe, wie ein Komponist zeitgenössischer E-Musik in Wien gefeiert würde wie ein Popstar. # Der politisch-moralische Kompass von Stefanie Sargnagel als stete Quelle des Trostes. # Arthur Russells Cello. # Rhythmus des Rückzugs. # Wim Wenders, Perfect Days (2023), am ausnehmend stürmischen 23. Dezember im Wiener Filmcasino. # Die Begeisterung, mit der wir schon durch die Wahl unserer Kommunikationsmittel zur Geschichtslosigkeit der Zukunft beitragen.

 

 

Rainer Knepperges

Es war in San Remo, als die Navigationshilfe zwei Sätze sprach, die uns verblüfften. Mit ihrer leicht stockenden Frauenstimme sagte sie: «Ich weiß nicht, was ich gerade gesagt habe. Ich bin verwirrt.» Wir waren uns einig, dass ein Navigationsgerät so etwas eigentlich für sich behalten müsse. Über Gedächtnislücken und Verwirrtheit sollte eine Maschine nicht ungefragt Auskunft geben. Wer eine elektronische Apparatur benutzt, wünscht sich im Allgemeinen von deren Selbstzweifeln nicht behelligt zu werden. Eine gebräuchliche Auffassung von Anstand gebietet den Geräten doch zumindest den Anschein von Seelenlosigkeit aufrecht zu halten. Sollte diese Selbstverständlichkeit bei den Maschinen noch immer nicht angekommen sein, bleibt zu hoffen, dass die vielbesprochene «künstliche Intelligenz» den Gefühlsäußerungen der Gebrauchsgegenstände künftig Einhalt gebietet. Muss die Vernunft nicht in der Lage sein, im erwachsenen dritten Jahrtausend, endlich dem störenden Eigenleben der Dinge einen Riegel vorzuschieben?

Übrigens sagte die Stimme aus dem Navi nur: «verwirrt», nicht: «total verwirrt» oder «total verwiert» oder «Ich werd’ verrückt, wenn’s heut’ passiert». Lediglich: «Ich bin verwirrt.»

Wir machten das Ding aus, fuhren ums Casino herum und fanden auch so, auf dem Berg, das billige Hotel. Im Zimmer rissen wir das Fenster auf und schauten auf San Remo.

Die mittelalterliche Hügelstadt, der Kurort der Belle Époque, San Remo! Kirmes am Meer, verzauberte Vergnügungsstätte, wo 1914 Mario Bava zur Welt kam und wo Luigi Tenco starb, 1967, beim Schlagerfestival. 1958 sang dort Domenico Modugno: Volare! – «Nel blu, dipinto di blu» – In Blau gemaltes Blau.

Überhaupt Musik. «Der Sprung aus dem Reich der Notwendigkeit ins Reich der Freiheit.»

In 2023 hörte ich unendlich oft: Christophe – «Les marionnettes» (1965), Christophe – «Io sono qui» (1966), Christophe – «Maman» (1967), Santo e Johnny – «Love is Blue» (1968), Lucio Battisti – «Per una lira» (1969).

Alice – «Per Elisa» (im San Remo, 1981), John Linnell – «NVNC AVT NVMQVAM» (in Latein, 2021), Bob Dylan – «Only a River» (in Rom, 2023), Pacifico Boy – «Sterne» (2023), Eugene Chadbourne – «Who Knows Where The Time Goes» (2023).

Wer weiß, wohin die Zeit verschwindet? Im Wiedersehen der Lieblingsfilme immerhin taucht die Gewissheit auf: Dass nichts verschwindet. Alles ist ewig – im Augenblick. 2023 in Kinos in Nürnberg, Bologna, Frankfurt und Köln-Kalk: Wieder «zu schön, um wahr zu sein» – Der Kongress tanzt (1931 Eric Charell), Katharina die Letzte (1936 Herman Kosterlitz), La Corona di ferro (1941 Alessandro Blasetti), Black Narcissus (1947 Powell & Pressburger), Rio Bravo (1959 Howard Hawks), Psycho (1960 Alfred Hitchcock), Sharon’s Rosebud (1976 Richard Wilton), Raging Bull (1980 Martin Scorsese), Perfect (1985 James Bridges), Die wahre Titanic (2010 Bruno Sukrow).

Im Paradies der fortschreitenden Entdeckungen gab’s 2023: Other Men's Women (1931 William Wellman), Daughter of Shanghai (1937 Robert Florey), Maddalena... zero in condotta (1940 Vittorio De Sica), Toxi (1952 R.A. Stemmle), One Girl’s Confession (1953 Hugo Haas), Manon des Sources (1953 Marcel Pagnol), Fräulein (1958 Henry Koster), Je vous salue, mafia! (1965 Raoul Lévy), Tell Me in the Sunlight (1967 Steve Cochran), Infanzia, vocazione e prime esperienze di Giacomo Casanova veneziano (1969 Luigi Comencini), Universal Soldier (1971 Cy Endfield), Coz takhle dat si spenat (1977Václav Vorlícek), The Day Reagan Was Shot (2001 Cyrus Nowrasteh).

Der Film des Jahres: Spielbergs The Fablemans.

Der Himmel des Jahres: am 10. Oktober über Oostende

 

 

Ekkehard Knörer

Kurz vor Weihnachten war ich durch: Maigret Nr 75, der Kommissar lehnt seine Beförderung ab, versenkt sich ein weiteres und nun letztes Mal ins immer profunde private Unglück der Menschen. Er hat mich zwei Jahre lang auf dem Weg zur Arbeit begleitet und wieder zurück und bei diesem und jenem und vor allem auf dem Weg in den Schlaf, die Stimme von Walter Kreye, am Ende dieses Jahres bin ich verwaist. Habe begonnen, die so lange vor mir hergeschobenen Jahrestage zu hören, frisch eingelesen von Charly Hübner und Caren Miosga, ziemliches Fremdeln, aber es bleiben noch fast siebzig Stunden (in vertrauten Einheiten: mehr als zehn Maigrets) zur Eingewöhnung.

Das Jahr der Sozialmedienspaltung. Bin sehr müde auf allen Kanälen.

Auf der Reise nach Polen mal dieses Duolingo ausprobiert, von dem man viel hört. Seitdem: Streak von 68 Tagen, Polnisch durchgespielt, mich in weitere Sprachen hineingamifiziert. Auch Eskapismus, wie Maigret, wie die vielen DEFA-Filme, aber immerhin einer, der in irgendeiner Form der Wirklichkeit zugewandt bleibt. Verzweifelte Versuche, den Dauer-Doomscroll, den die Gegenwart bietet, durch Halb-Abwendung zu neutralisieren.

 

 

Gertrud Koch

Das Dröhnen der Drohnen und die vielen Augen der Welt

Dass Schwerter zu Pflugscharen umgeschweißt werden können – und vice versa –, dass Staubsauger zu Waffen – und Vice versa –, dass Social Media zu Hassbomben, dass Kamera bestückte Dronen zu Raketen bestückten Dronen ummontiert werden können, zeigt, dass die Dialektik der Aufklärung, die sich im inneren Umschlag von Konsum in Terror negativ entfaltet, weiter in eine eindimensionale Richtung voranschreitet, in der technischer Fortschritt seinen eigenen Untergang gleich mit auf den Weg bringt. In einem Essay in der New York Times vom 29.12. zieht Thomas L. Friedman einen weitreichenden Schluss, wenn er schreibt: «now that advanced military technologies like drones are readily available, smaller players can yield much more power and project it more widely than ever before (…) This is why I referred to Russia’s invasion of Ukraine as our first true world war, and why I feel that Hamas’s war with Israel is in some ways our second true world war. They are being fought on both physical battlefields and digital ones, with huge global reach and implications.» 

Wie die preiswert gewordenen Kameradrohnen sich weltweit als low Budget-Technologie für special effects im experimentellen Film verbreitet haben, werden sie nun auch in gewaltsamen Konflikten eingesetzt – von World Power Playern ebenso wie von Terrorgruppen. Der Begriff der Aufklärung bekommt noch einmal eine eigene doppelte Bedeutung als militärische Aufklärung, die der bewaffneten Gewalt vorhergeht, aber auch als Medium einer horizontalen Ermächtigung, die das prekäre staatliche Gewaltmonopol in einen Krieg aller gegen alle zersplittert. Der globale Kampf um die Sitze in den ersten Reihen der umkämpften neuen Weltordnung hat gerade erst begonnen. Dass die neuen Technologien und Medien militärische und kulturelle Hegemonien zur selben Zeit aggressiv durchsetzen und unterminieren können, lässt hoffen und verzweifeln. Der Computer, das Internet sind in dieser Hinsicht Vorreiter jener Entwicklung, in der militärische Erfindungen in den kapitalistischen Warenkreislauf eingespeist werden und von dort als Mimikry an die Gewaltverhāltnisse zurück in den Kreislauf der Gewalt drängen. Wo die ästhetische Formung der Bildwelten, die Kameradrohnen hervorbringen, das allwissende Auge der Macht durch Vervielfältigung auf eine neue Augenhöhe brachte, kehrt der militärische und terroristische Großeinsatz desselben technischen Mediums zurück zu zentrierten Herrschaftsformen: Souverän ist, wer über Leben und Tod entscheidet. Die Technologie, die sich weitgehend vom menschlichen Körper entfernt hat, räumt nun gründlich mit ihm auf.

 

 

Rainer Komers

Hier ist immer Gewalt. Hier ist immer Kampf.
Klagenfurter Rede zur Literatur 2023 

 
Angesichts des brutalen Angriffskriegs gegen ihr Land betrachtet sich Tanja Maljartschuk
als eine Autorin, «die ihr Vertrauen in die Literatur und – schlimmer noch – in die Sprache verloren hat.» 
 
Der 7. Oktober und die Folgen, das hat auch mir die Sprache verschlagen – was aber ganz unwesentlich ist, bin ich doch, anders als Tanja Maljartschuk, nicht direkt betroffen. Zumindest wollte ich begreifen, an welchem Ort, in welcher Landschaft das Pogrom stattgefunden hat. Deshalb habe ich mir Bilder vom Kibbuz Re’im angesehen, die vielen Mohnblumen, die Felder mit Sonnenblumen, Schnittblumen und Alfalfa, den Pool, die Bungalows, die Schutzräume, Isralaser, die Fabrik – und über das Kibbuz fand ich folgende Information: Kibbutz Re’im is located in the south of the country, close to the Gaza Strip. Initially, the kibbutz was called «Tel Re’im» (Tel – Hill, Re’im – Friends) after the nearby hill called in Arabic, «Tel al-Jama» (the hill of the friends). 

Von Refaat Alareer fand ich ein Gedicht, das er am 27. Mai 2012 geschrieben hat. Am 6. Dezember 2023 wurde der palästinensische Schriftsteller und Hochschullehrer bei einem Luftangriff in Shejaiya, im nördlichen Gazastreifen, getötet. Er hielt sich dort bei seinem Bruder, seiner Schwester und ihren vier Kindern auf, die ebenfalls getötet wurden.

Gazan boys playing on seesaw

A day in prison | And we live on | Despite Israel’s very much identified flying objects | That we see more than our family and friends | And despite Israel’s death sentences | Like lead | Cast upon the head | As we sleep | Like acid rain | Gnawing at our life | Clinging to it like a flea to a kitten | And stuffed in our throats | [...] | We dream and pray, | Clinging to life even harder | Every time a dear one’s life | Is forcibly rooted up. | We live. | We live. | We do.

* * *

‹We will choose a new path›: How Israel’s peace activists are responding to the war in Gaza. By Eliyahu Freedman – November 25, 2023 – Baqa Al-Gharbiya, Israel (JTA) The Jerusalem Post

On the morning of Oct. 7, Israeli human rights activist Ziv Stahl was visiting relatives in her childhood home of Kibbutz Kfar Aza. As Hamas’ massacre on the Gaza border unfolded — with the terror group ultimately killing between 52 and 60 people from the small kibbutz community and kidnapping 17 — she waited in her family’s shelter alongside her niece’s partner, who had been wounded by Hamas gunfire earlier that morning. Until she was rescued from the secured room several long hours later, she feared for her own life and the fate of loved ones, some of whom — including her sister-in-law and childhood acquaintances — were killed that day. 

About a week later, amid broad Israeli support for the escalating war, she wrote an essay calling for an end to «indiscriminate bombing in Gaza and the killing of civilians.»

«I have no idea how this will influence the rest of my life,» Stahl, the executive director of the legal rights organization Yesh Din, wrote in Haaretz. «If I will ever be able not to fear every small noise, not to imagine gunshots in the depths of the night. But one thing I feel more strongly than ever: we must stop this cycle of death. We must invest all of our power and energy in the end game, how to build a peaceful and secure future for all who live in this place. [...] I have no need of revenge, nothing will return those who are gone. All the military might on Earth will not provide defence and security. A political solution is the only pragmatic thing that is possible.»

 

 

Leonard Krähmer

Warten in Marseille vor dem Variétés in der Rue Vincent Scotto. Neben dem Kino eine Feuerwache, vor dem Kino sitzt Leos Carax, kaum zu erkennen ohne Sonnenbrille, dafür mit Tochter Nastya. Während ich mich frage, wofür sie hier sind (wahrscheinlich Pedro Costa), rauchen sie jeweils gefühlt drei Zigaretten bei gefühlt 40 Grad. Am Abend legt Whit Stillman, dem das FID eine Hommage widmet, in der Brasserie auf; im Vorübergehen sehe ich ihn mit seiner Frau ausgelassen zu Doctor’s Order von Carol Douglas vom THE LAST DAYS OF DISCO-Soundtrack tanzen. Sie sind die einzigen auf der Tanzfläche.

Musikinstrument des Jahres: die Sheng, chinesische Mundorgel, kennengelernt Ende August in der Philharmonie, beeindruckende Darbietung von Wu Wei. Ansonsten bleibt wenig Musik, nachhaltig aber MUSIC.

Serie des Jahres: FILMEMIGRATION AUS NAZIDEUTSCHLAND von Günter Peter Straschek und Karin Rausch, von einer Vorlesung angeregt etappenweise auf Youtube gesehen. Danach Eintauchen in die Welt der Weimarer Tonfilmoperette, weil eine Sequenz aus DER KONGRESS TANZT vorkommt. Auch auf Youtube verfügbar, zuerst aber bei feminist elsewheres im Arsenal, das, was nach der Emigration übrigblieb: ZEIT DES SCHWEIGENS UND DER DUNKELHEIT, Nina Gladitz’ Demontage des Leni Riefenstahl-Mythos. Als Statisten für ihren Film TIEFLAND hatte Riefenstahl Sinti und Roma aus dem Lager Maxglan bei Salzburg geholt. Die meisten von ihnen wurden später in Auschwitz ermordet. Gladitz geht mit Josef Reinhardt zurück an die Dreh- und Tatorte, lässt die Überlebenden sprechen. Weil Riefenstahls Mitwisserschaft nicht abschließend geklärt werden konnte, gewann sie die Verleumdungsklage gegen Gladitz, sodass deren Film nach WDR-Erstausstrahlung 1982 in den Giftschrank verbannt wurde.

Nur einige Wochen später und wieder im Arsenal, eine gute Ergänzung: DAS FALSCHE WORT von Katrin Seybold und Melanie Spitta, eine archivgestützte Abrechnung mit der sogenannten Wiedergutmachung des Genozids an den Sinti und Roma.

Ergiebiges Jahr für den Gerichtsfilm: LE PROCÈS GOLDMAN, ORLANDO MA BIOGRAPHIE POLITIQUE, ANATOMIE D’UNE CHUTE (davon bleibt mir nur der Ohrwurm vom instrumentalen P.I.M.P.-Cover) und der tolle SAINT OMER. EL JUICIO im Berlinale Forum über den Prozess gegen die argentinische Militärdiktatur, nicht nur wegen der drei Stunden Laufzeit sehr intensiv. Videogramme eines Prozesses, keine simple Geschichtslektion, weil es so was wie Geschichte gar nicht gibt, wenn ein hundeklonender Anarchokapitalist seine präsidiale Kettensäge gegen das «Nie wieder» schwingt.

Ein Gerichtsfilm im profaneren Sinn: Fred Wisemans MENUS PLAISIRS – LES TROISGROS über eine Michelin-Restaurant-Dynastie. Wie in den meisten späten Wisemans findet er in seinen Sujets Resonanzkörper für die eigene Arbeitsweise: das Endprodukt ist nur so gut wie sein Ausgangsmaterial, die Mineralien im linksseitigen Loire-Boden jagen die erste Süße in den 20.000€ schweren Wein und auch am Schneidetisch geht es um die richtige Balance von Sriracha und Passionsfrucht.

In Köln Neues von Todd Haynes und Radu Jude. Man lacht nicht nur, aber auch für die anderen, signalisierend, dass man die bis in den Abspann gestreuten Zitate und Gags versteht. Ziemlich anstrengend, aber es geht nicht anders in einem Film «personally written and directed by Radu Jude» – und obwohl auch das laut Cinemascope-Interview nur eine Stroheim-Referenz bzw. eine Persiflage des autofiktionalen Schreibens gewesen sein soll, steckt mehr dahinter. Das Persönliche nicht als Legitimationsstrategie, sondern als Selbstverpflichtung, für gegenwärtige Zustände gegenwärtige Bilder zu finden. Der Filmtitel setzt dann auch den Ton für 2024: DO NOT EXPECT TOO MUCH FROM THE END OF THE WORLD.

 

 

Werner Krauß

Viermal im Jahr erreicht mich eine Mail von Ekkehard Knörer, dass die Klimamedienkolumne wieder fällig sei. Wie immer habe ich auch dieses Jahr jedes Mal pünktlich abgeliefert. Ich schrieb über unterschiedliche Marktmodelle, in denen Klima verhandelt wird, über die narrative Klimakrise, über die Wahrnehmung der Jahreszeiten und über unterschiedliche Intensitäten, dem Klimawandel adäquat zu begegnen. Das alles vor dem Hintergrund des wärmsten Jahres seit Beginn der Aufzeichnungen und ähnlicher Superlative. Es sind die eher randständigen Formen des Erzählens, die mich in Filmen, in der Literatur oder in der Wissenschaft interessieren, jenseits der plakativen Superlative und Untergangsszenarien. Wo Sprache und Bilder längst zu Floskeln geworden sind – «in einer immer unübersichtlich werdenden Welt» oder «noch nie waren wir mit so vielen Krisen konfrontiert» – wird es immer wichtiger, genauer hinzusehen, einen medientheoretisch, historisch und ethnologisch informierten Blick auf die Krisen der Gegenwart zu werfen. Ein Anspruch, dem cargo in vielen Beiträgen gerecht wird. Dieses Jahr bin ich in München auf einer Ethnologie-Konferenz sogar zum ersten Mal in vier Jahren einer Leserin begegnet: einer Filmemacherin, die behauptete, meine Kolumne zu kennen. Die Mühe scheint sich also zu lohnen.

 

 

Anne Küper

Der Dezember ist ein mächtiger Monat, der durch seine Platzierung am Schluss auf entscheidende Weise die Wahrnehmung eines Jahres verändern kann. 2023 hat er sich bei mir dermaßen ins Zeug gelegt, dass alles, was vor ihm passiert und scheinbar dieses Jahr gewesen sein soll, ganz überlagert ist von Traurigkeit, Wut und Zweifeln. Es wird besser werden und leichter, sagen meine Freund*innen. Ich will das glauben und mache Notizen.

1. Die unbekannten Sitznachbarinnen bei der Berlinale, die kommentarlos Taschentücher durch die Reihen im Arsenal reichten (NOTRE CORPS, Claire Simon); das Mädchen mit den großen Augen, dass die Schokolade von der Doppelkekshälfte leckt und aus Steinen Türme baut (AMIKO, Yusuke Morii); der Mann mit dem goldenen Ledermantel in der Bundeskunsthalle Bonn, bei dem F., M., Y. und ich uns bis heute nicht sicher sind, ob er nicht doch zur Ausstellung gehörte (ALLES AUF EINMAL. DIE POSTMODERNE, 1967-1992, Eva Kraus und Kolja Reichert). 

2. Frühling in Bochum (HOLD THE GIRL, Rina Sawayama), Sommer in Antwerpen (EVERYTHING IS ALIVE, Slowdive). Vor «the new Alanis Morissette» bisschen gedrückt, aber seit einem nebeligen Herbstmorgen auf dem Fahrrad endlich dieses Album verstanden (GUTS, Olivia Rodrigo). Wie Susi Bumms vom Scheitern singt (MODERN DANCE, The Screenshots).

3. Wie Kâmil Genç sein Auto umparkt, damit die Menschen näher herankommen und besser Fotos machen können von der Stelle, wo mal das Haus in der Unteren Wernerstraße Nr. 81 stand. Noch nie so viele Schnittblumen gesehen wie im Mai in Solingen. Steinmeier war ja gestern da, sagt Herr Genç.

4. Da ist ein Mädchen auf der Bühne mit braunen Haaren, die es in einem Pferdeschwanz zusammengebunden trägt (SKATEPARK, Mette Ingvartsen). Es muss vielleicht 13, 14 Jahre alt sein und wenn es vorne an die Rampe tritt, wird es leicht rot im Gesicht, obwohl es so tut, als würde es ihm gar nichts ausmachen, von den vielen Leuten angesehen zu werden. Das Mädchen hat einen Körper wie ich ihn mal hatte, als ich im selben Alter war, aber keinen Namen, zumindest kenne ich ihn nicht, weil Namen bei Ingvartsen nicht interessieren. Die Performer*innen in diesem Skatepark konkurrieren, führen vor, üben, koexistieren, sind alleine wie beisammen und geben zärtlich aufeinander acht. Der Kickflip will dem Mädchen einfach nicht gelingen. Es gibt nicht auf, seine Szene ist noch nicht beendet, ruhig versucht es den Sprung immer wieder und weiter, selbst als das Licht der Scheinwerfer langsam ausfadet. Das Mädchen ist nur noch Silhouette, als sich das Board perfekt um 360 Grad dreht und die Füße erfolgreich darauf landen. Tosender Applaus, das Licht ist aus.

5. In den Zug gestiegen ohne zu wissen, dass für Berlin eine Hitzewarnung ausgerufen wurde und Rammstein an dem Wochenende drei Konzerte im Olympiastadion spielen wird (alle ausverkauft). Nach Schweiß und Bier riecht der Wagon, in dem ich sitze, «das Rammstein-Fan-Abteil», wie einer der Passagiere lautstark verkündet. In den anderen Teilen des Zuges sieht es nicht besser aus. Meine Kopfhörer kommen nicht gegen die bunten Bluetooth-Lautsprecher und die Stimmen an, noch dreieinhalb Stunden to go, aus Zeitgründen ist das Aus- oder Umsteigen keine Option. Und wie sie da sitzen, diese Männer in ihren schwarzen T-Shirts mit dem großen Bordrestaurantbitburger, und zusammen «Adieu, goodbye, auf Wiederseh’n» grölen: Das ist das Ende, das muss es sein, in diesem falschen Film.

 

 

Maren Lickhardt

Was vom Jahr bleibt, sind ca. 4.000 Stunden vor dem Fernseher, die natürlich ebenso als Stunden des Arbeitens, Lesens und Schreibens zu werten sind, weil der Fernseher vor dem Schreibtisch steht. Damit bin ich eine klassische Viel- oder Extremseherin und keine Binge Watcherin. Was vom Jahr also bleibt, ist sehr viel serielles Füllmaterial, darunter viele alte Serien wie Dexter, Medium und Monk, die so historisch geworden sind, das wir unbedingt wieder über sie sprechen sollten. Dexter, um sich zu wundern, wie diese Serie zum Hype werden konnte; Medium, um ein progressives Familienbild zu sehen, das im heteronormativen Rahmen seither kaum progressiver geworden ist; Monk, um sich zu ärgern, dass man einen männlichen Egomanen lieben kann, weil er süß-neurotisch wirkt, während Frauen in dieser Rolle nach einer Staffel abgesetzt worden wären/werden würden. Aktuelles Füllmaterial im besten Sinne des Wortes war natürlich auch dabei: Copenhagen Cowboy, Rough Diamonds, Deadloch, The Consultant. Füllmaterial bezeichnet natürlich lediglich einen rezeptiven Modus und sagt nichts über die Serien aus, die ich alle auf je unterschiedliche Weise empfehlen würde. Aber auf 4.000 Stunden kommt man so nicht: Da gibt es natürlich auch das Füllmaterial, an das man sich beim besten Willen nicht erinnern kann und für das ich die retrospektive Watchliste der Anbieter bräuchte, die auch in diesem Jahr wieder nur Fehlermeldungen produziert, wodurch mir nun zum zweiten Mal mein Tagebuch und Erinnerungsmedium des Jahres fehlt. Wirklich intensiv geschaut habe ich z.B. auf Netflix The Fall of the House of Usher und die Tetralogie von Wes Anderson – empfehlenswerte, surreal-theatralische Literaturadaptionen –, auf Sky die zweite Staffel And just like that… und auf Prime die dritte Staffel Picard – verhalten empfehlenswert, aber dennoch empfehlenswert, weil sie auf die eine oder andere Weise ‹relevant› sind und außerdem interessant ein Erzählen gegen sich selbst, ein Erzählen mit und gegen die eigene Geschichte zeigen. Noch vom letzten Jahr haben ich den Watergate-Komplex mitgeschleppt, von Gaslit (2022) zu White House Plumbers (2023). Kaum ein Stoff hat mich je weniger interessiert. Daher finde ich es umso bemerkenswerter, wie gut ich die Serien fand. Hervorragende Schauspieler:innen, passende Atmosphären, Szenen und Dialoge, interessante Akzentuierungen beleben das historische Material. Insgesamt fällt mir auf: Das Historische im Sinne der Geschichte, im Sinne der eigenen Geschichte der Serien und meiner eigenen Geschichte als Erst- und Wiederrezipientin prägt rückblickend meinen Fernseheindruck des Jahres 2023.

 

 

Max Linz

«Großes Kino, kleines Kino #58: Malen Kratzen Schmirgeln – Filme ohne Kamera», programmiert und präsentiert von Stefanie Schlüter, Kino Arsenal (im folgenden KA) /// Reminiscences of a Journey to Lithuania, 16mm + The Brig, 16mm +  As I was moving ahead occasionally I saw brief Glimpses of Beauty, alle in: Jonas Mekas, 100 Years of Cinema, Arts, and Politics, kuratiert von Christoph Gnädig, Christian Hiller und Anne König, KA /// Chronik der Anna Magdalena Bach, Straub-Huillet, 35mm, KA /// Roter Himmel, Christian Petzold, Schramm Film, Berlinale Palast /// Orphée, Jean Cocteau, 35mm, KA /// «Wie Filme sehen?», Le diable probablement, Robert Bresson, 16mm, DFFB, präsentiert von Michael Baute und Niklas Büsche /// De Facto, Selma Doborac, AdK /// Assa, Sergej Solowjow, 35mm, KA /// seit 18. September: phantas.ma /// Touki Bouki, Djibril Diob Mambety, 35mm, KA /// Irma Vep, Olivier Assayas, 35mm, KA /// «Film als Raum» & «Sceno Fiction», DFFB, Meika Dresenkamp und Freunde präsentieren Materialexperimente, Len Lye, Norman McLaren, Stan Brakhage, Schmelzdahin, 16mm-Kopien aus dem KA, Projektion: Ted Fendt. /// 2023: Zurück zum Beton. ///

 

 

Elena Meilicke

2023 reise ich zum ersten Mal in meinem Leben nach Südamerika, nach Kolumbien, Santa Marta an der Karibikküste. Wir wohnen bei Freunden am Meer, essen Pomelos und Mangos, besuchen mit den Kindern die Sala Infantil in der Biblioteca Gabriel García Márquez und sehen – an einem Playa de Los Angeles, wo ein Fluss ins Meer mündet – ein echtes Krokodil. Davor, danach und zwischendurch lese ich Karin Harrasser: Surazo (2022), Gegenentkommen (2023) und (zusammen mit Sarah Sander): Laute Post. Weitererzählungen aus Kolumbien (2021).

2023 ist außerdem das Jahr, in dem die Mieterschaft in unserem Berliner Wohnhaus zusammenwächst, weil die Zustände dort immer unerträglicher werden. Eine Whatsapp-Gruppe bietet Nachbarschaftshilfe und ist Alltagsmitschrift – mal lyrisch («Ich küsse Deine Augen, Sven»), episch und dramatisch (in Echtzeit miterleben, wie jemand im Fahrstuhl stecken bleibt).

Und 2023 ist das Jahr, in dem mir – vielleicht ein Postpandemiephänomen? – Konferenzen richtig Spaß gemacht haben.

Ansonsten berührten/beschäftigten mich folgende Bücher, Serien, Filme, Ausstellungen (in Auswahl und alphabetisch geordnet): Capital B. Wem gehört Berlin (Arte) – Couples’ Therapy (HBO) – Elfriede Gerstl: Haus und Haut (2014) – Elisabeth Wild: Fantasiefabrik (Wien) – Heidi Lutosch: Kinder haben (2023) – Helin Çelik: Anqa (2023) – How To With John Wilson (HBO) – McKenzie Wark: Raving (2023) – Mely Kiyak: Frausein (2020) – Michael Roemer: Vengeance Is Mine (1983) – Nicole Eisenman: What Happened (München) – The Crown (Netflix) – The Ezra Klein Show – The Great Repair (Berlin) – Vivien Gornick: Fierce Attachments (1987) – William Eggleston: Mystery of the Ordinary (Berlin)

 

 

Roland Meyer

Songs, die bleiben

Es ist nicht der Song, den ich dieses Jahr am häufigsten gehört habe, zumindest sagt mir das Spotify, und das weiß schließlich mehr über meine Hörgewohnheiten (und vielleicht auch über meine Stimmungen) als ich. Es ist auch nicht mein Lieblingssong des Jahres, es ist auch gar kein Song aus diesem Jahr, und ich weiß noch nicht einmal, ob es eigentlich ein guter Song ist. Es ist zumindest kaum ein Song, mit dem man besonders guten Geschmack beweisen kann. Aber, und das weiß Spotify dann eben doch nicht, es ist der Song, der mich dieses Jahr am meisten berührt hat, in unterschiedlichen Situationen, und schuld daran ist dieser großartige Film von Charlotte Wells, der auch nicht aus diesem Jahr ist, aber den ich erst dieses Jahr gesehen habe, im Januar muss das gewesen sein, im Kreuzberger Sputnik-Kino, oben unter dem Dach. Der Film heißt Aftersun (2022), der Song Under Pressure (1981), und dank jener Szene ganz am Schluss sind jetzt beide, Film und Song, für mich (aber sicherlich nicht bloß für mich) untrennbar miteinander verbunden: Es ist eine Tanzszene, eine Szene eines Abschieds und eine Szene, die zwischen den Zeiten und Räumen oszilliert, das Schwarz der Leinwand immer wieder unterbrochen vom Aufblitzen der tanzenden Körper; Vater und Tochter, die sich scheinbar begegnen und doch unwiederbringlich voneinander getrennt bleiben: This is our last dance.

Und noch bevor ich wusste (aber als ich vielleicht schon unbewusst ahnte), dass dieses Jahr für mich auch ein Jahr des Abschieds werden sollte, gab es Momente, in denen mal fast zufällig, mal ganz gezielt Under Pressure hörte und mir beinahe die Tränen kamen. Ich erinnere einen solchen Moment im Sommer, allein spazierengehend in einer fremden Stadt, als mich die ungebremste Wucht dieses Songs nahezu unvorbereitet aus den Kopfhörern traf. Das Sounddesign von Aftersun dämpft die eigentlich schwer erträgliche Stadionrockhaftigkeit von Queen klug ab, so dass sie fast nur noch wie ein fernes Echo klingt. Doch schon der Song selbst streicht sein eigenes Pathos immer wieder durch: Wo Freddie Mercury mit naiver Sentimentalität fragt, warum man der Liebe nicht noch eine Chance geben kann, antwortet ihm David Bowie mit all seiner vermeintlichen ironischen Distanziertheit, dass «Liebe» doch ein viel zu altmodisches Wort sei, nur um dann in zwei knappen Sätzen eine Theorie der Liebe zu skizzieren, die zu schön ist, um sie hier zu zitieren.

Ich habe diesen Song auch auf vielen der Zugfahrten gehört, die mich dieses Jahr vor allem zwischen Berlin, Bochum und dem Bodensee hin- und herführten, und auch auf jener Zugfahrt Ende November, die mir für immer im Gedächtnis bleiben wird, auf dem Weg von Berlin nach Norden, in meine Heimatstadt nahe der dänischen Grenze, als der Abschied schon mehr als nur eine Ahnung, aber noch keine Gewissheit war. Am Abend hat es dann angefangen zu schneien. This is ourselves, singt Bowie, und die Leinwand wird schwarz.

 

 

Cristina Nord

Auf makro-, mikro- und kulturpolitischen Ebenen ist 2023 ein grauenhaftes Jahr (sieht man von der Abwahl der PiS-Partei in Polen ab). Mein persönliches Erleben steht dem entgegen; für mich ist vieles an diesem Jahr einzigartig und groß. Anfang Juli ziehe ich von Berlin nach Nairobi, werde Leiterin des Goethe-Instituts und erlebe dabei so viel Bereicherndes, Unvertrautes, Herausforderndes, dass ich aus dem Staunen gar nicht mehr herauskomme und mich reich beschenkt fühle (was nicht heißen soll, dass es nichts Schwieriges gäbe, der Hass gegen Israel, den sich als progressiv verstehende Kenianer*innen seit dem 7.10. offen artikulieren, zählt dazu. In meine Begeisterung mischt sich bisweilen Ratlosigkeit).

Hier ein paar Momentaufnahmen aus meinem neuen Alltag:

Ein Vormittag Ende Juli. Ich besuche die Circle Art Gallery an der Riara Road im Südwesten der Stadt, es gibt eine experimentelle Vorführung von Harun Farockis Ein Bild aus den frühen 80ern, konzipiert und gehostet von der Künstlerin Jackie Karuti. In der knapp halbstündigen Arbeit dokumentiert Farocki gewohnt nüchtern und analytisch, wie ein Centerfold für den Playboy entsteht. Wir sind aufgefordert, Gegenstände im Raum zu bewegen, den Film auf unseren Handys zu schauen, Objekte wie eine Leiter vor den Projektor zu stellen, das Bild mit einem großen Karton zu blockieren und wieder freizugeben, was ein wenig den Film selbst doppelt, bei dem ja auch ständig etwas hingestellt, weggeräumt und neu drapiert wird – die Kulisse, die Kissen, die Körperteile des Models. Farockis Interesse an Abläufen und Arbeitsprozessen kann weder ein Gefühl für das Model hervorbringen, noch möchte es dies; die Objektivierung der unbekleideten Frau wird so nüchtern verzeichnet wie der erste Blick der Fotografen auf die Kontaktbögen. Von heute aus betrachtet wirkt diese Kühle im Angesicht der Misogynie deplatziert.

Ein Samstag Mitte September. Mit einer Gruppe namens Let’s Drift gehe ich regelmäßig wandern, diesmal im Südwesten von Nairobi, jenseits der Ngong Hills, die Anfahrt ist weit und führt über viele Schlaglöcher; wir sind in einem Matatu unterwegs, einem Bus, der sich einer Hip-Hop-Gangsta-Ästhetik verschreibt, draußen steht der Schriftzug «Three 6 Mafia», drinnen gibt’s ein potent ausschauendes Soundsystem, das nicht in Aktion ist, und zahlreiche Bilder von cool dreinblickenden Schwarzen Männern, mit Grillz und Sonnenbrillen und fettem Schmuck, eine Feier hypertropher Maskulinität, über die bell hooks in Black Looks. Race and Representation so treffend geschrieben hat. Die Fahrt endet in der Nähe eines Kamms namens Ol Oroka Ranges auf Masai-Territorium. Es gibt viele Ziegen, Kühe und Hirten. Der Aufstieg ist wie immer hart, die Wanderung lang, und sie ist fantastisch wegen der Ausblicke auf die Ngong Hills, auf das Rift Valley, auf andere Berge in der Ferne. Am Gipfel angekommen, verkündet eine Holztafel: «You are now at Kitalu Oloorruka Peak, 2085 M.A.S.L., leasure [sic] is pleasure».

Ein Abend Anfang September. Im Auditorium des Goethe-Instituts wird ein Theaterstück gelesen, The Trial of Dedan Kimathi von Ngugi wa Thiong’o und Micere Mugo. Es stammt aus dem Jahr 1973, und es handelt von Dedan Kimathi, einem der Anführer der Mau-Mau-Aufstände gegen das britische Kolonialregime. 1957 wurde er hingerichtet, erst 40 Jahre nach der Unabhängigkeit Kenias wurde er rehabilitiert und im öffentlichen Raum mit Straßennamen und Statuen geehrt. Unser Saal ist bis auf den letzten Platz belegt; draußen stehen und sitzen noch mal circa 50 Leute, um die Videoübertragung zu verfolgen. Dem Stück merkt man an, dass es in den 70ern entstanden ist; es wird klar nach Gut und Böse geschieden, eine überdeutliche antikoloniale Rhetorik hält die Dialoge in Beschlag. Als Text ist das nicht beeindruckend, interessant ist es als doppeltes Dokument – der eigenen Entstehungszeit und der 50er Jahre, der Zeit der Mau-Mau-Aufstände. Was an diesem Abend so besonders ist, ist, wie das Publikum mitgeht – bis hin zu einem Moment, der mich in eine andere Dimension katapultiert: Der Musiker auf der Bühne singt auf Suaheli, das Publikum singt mit, ein anderer Zuschauer geht spontan nach vorne, fängt an zu singen, er hebt den Arm in die Luft und ballt die Faust, alle stehen auf, recken die Faust empor und singen auf Suaheli etwas, was mein Nachbar mir mit «I need liberation» übersetzt. Call and response, es dauert vielleicht fünf Minuten, ein fantastisches Zirkulieren von Energie, von Rhythmus, ein Gemeinschaftsgefühl ohne das Abgrenzungsbedürfnis, das mit Gruppenbildung sonst so oft einhergeht.

Mitte November findet das Out-Filmfestival bei uns statt, ohne dass wir Öffentlichkeitsarbeit dafür machen können; die Vorführungen deklarieren wir als Privatveranstaltung. Das Publikum kommt trotzdem. Wir haben Gäste aus unterschiedlichen afrikanischen Ländern eingeladen, eine charismatische, auf vielerlei Weise anti-heteronormative Gruppe, Künstler*innen und Aktivist*innen, deren Charme, Courage und Flamboyanz Respekt gebieten. Es geht darum herauszufinden, wie die Goethe-Institute in Ländern, die LGBTQI+-Menschen per Gesetz diskriminieren, diese Menschen unterstützen können. Die Diskussion kreist zum Beispiel darum, ob man mit Kunst diejenigen, die Homosexualität mit Abwehr begegnen, auf die eigene Seite ziehen, sie gewissermaßen verführen könne (eine junge Frau aus Ruanda vertritt diese These) oder ob die Vermittlung queerer Erfahrungen durch Kunst nicht im Gegenteil dazu führe, dass Künstler*innen allgemein als queer stigmatisiert würden. Eine Künstlerin aus Senegal beschreibt diesen Effekt für ihr Land, und sie sagt auch, ihre Arbeit habe nicht eine Spur von Einfluss im Vergleich zu dem, was Imame mit ihren Predigten bewirkten. Am Abend gibt es einen Talking-Heads-Film, in dem intersexuelle und trans Kenianer*innen von sich und ihren Erfahrungen erzählen. Ästhetisch uninteressant, in der Sache überwältigend. Dann noch ein Panel, das von Techniken der Selbstliebe handelt. Eher ausweichend und mit Achtsamkeits-Platitüden beantwortet eine Panelistin den smarten Einwurf einer trans Frau, die im Film von ihren Erfahrungen spricht und nun feststellt, dass ausreichend zu schlafen, gut zu essen und Atemübungen zu machen nicht die richtige Antwort auf gesetzlich verankerte und gesellschaftlich gefeierte Homo- und Transphobie sei.

 

 

Bert Rebhandl

Im Juni besuchte ich Volker Koepp in der Uckermark. Wir sprachen über seinen Film Gehen und Bleiben, aßen Wurst und Kuchen, danach ging ich ein wenig in die Felder. Nach wenigen Minuten schon war ich sehr weit von allem entfernt, es war still bis auf den Wind. Far from the Maddening Crowd. Kein Idyll, die Landwirtschaft dort ist industriell, aber doch eine Ahnung eines anderen Lebens mit der Natur. Eine kleine Epiphanie und ein kümmerlicher Versuch, sie festzuhalten.

Schon in Heft 58 schrieb Daniel Eschkötter über die Serie Mrs Davis, die damals noch nur für Kundige erreichbar war. Ich kam dann selbst erst dazu, sie zu schauen, als sie gegen Jahresende unvermutet auf Amazon Prime auftauchte. Meine ganze persönliche Geschichte wie auch die des Morgenabendlands sehe ich hier mit geradezu exzessiver Virtuosität durchgespielt: aus Religion wird Popkultur, Humanität erweist sich an Unsinn.

 

 

Simon Rothöhler

Was 2023 (trotz allem) gut war: Saint Omer (Alice Diop) | Menus Plaisirs – Les Troisgros (Frederick Wiseman) | Sandra Hüller in Anatomie d’une chute (Justine Triet) & The Zone of Interest (Jonathan Glazer) | Das ganze Jahr über: Sinema Transtopia | Werkretrospektive: Formen des Realen – Filme von Claire Simon (Arsenal) – Notre corps + Le concours + Récréations | Tom Cruise = Buster Keaton + ziemlich lässige postdigitalästhetische Set Pieces: Mission Impossible – Dead Reckoning Part One (Christopher McQuarrie) | Berlinale: Kara Kafa (Korhan Yurtsever) | #NeverForget: 20 Days in Mariupol (Mstyslav Chernov) || Erster Kinobesuch des & mit dem Neffen: Checker Tobi und die Reise zu den fliegenden Flüssen (Hackesche Höfe) || Succession (HBO) | Ein Idol für alle Auf- und Hinterherräumer: Beckham (Netflix) | Autofiktion trifft Ethnografie – fait divers, die sich zu einer enzyklopädischen Urbanistik auffalten: How To with John Wilson (HBO) | (Nicht zuletzt eine) Popkulturgeschichte der Black Panther: Dear Mama – The Saga of Afeni & Tupac Shakur (FX) | John Hamm & Jennifer Jason Leigh in Fargo – Season 5 (FX) | Aus dem Ruder laufende Paardynamiken (& wild verkanteter ‹Wokismus›) im Passivaggressivhaus: The Curse (Showtime 2023) | Diesbezüglich sehr viel routinierter und dank Keri Russell & Rufus Sewell immer sharp (wenngleich mitunter etwas bescheuert): The Diplomat (Netflix) || Ophelia’s Got Talent (Florentina Holzinger, Volksbühne) || Hugo van der Goes (Gemäldegalerie, Berlin) | Issy Wood – Study for No (Lafayette Anticipations, Paris) || Blaue Libelle(n) (Andreas Tscheppe) || 3 x Tech-Journalismus auf der Höhe der Zeit, der Akteure, Milieus, Kapitalinteressen und technologische Evolutionsprozesse erzählbar macht, im New Yorker: Stephen Witt: How Jensen Huang’s Nvidia Is Powering the A.I. Revolution + James Somers: A Coder Considers The Waning Days of the Craft + Charles Duhigg: The Inside Story of Microsoft’s Partnership with OpenAI || Ulrich Gutmaier: Wir sind die Türken von morgen. Neue Welle, neues Deutschland (Klett-Cotta 2023) | Karin Harrasser: Surazo. Monika und Hans Ertl: Eine deutsche Geschichte in Bolivien (Matthes & Seitz 2022) | Luke Mogelson: The Storm Is Here: An American Crucible (Penguin 2022) | Steffen Mau, Thomas Lux, Linus Westheuser: Triggerpunkte. Konsens und Konflikt in der Gegenwartsgesellschaft (Suhrkamp 2023) | Emmanuel Carrère: V13. Die Terroranschläge von Paris (Matthes & Seitz 2023)

 

 

Danilo Scholz

Die vergangenen zwölf Monate boten hinreichend Anlass, um sich Gedanken über den Nervenzusammenbruch im Wandel der Zeit zu machen. Allzu weit in die kulturelle Vergangenheit muss man dafür nicht reisen. 1988 gelang einem aufstrebenden spanischen Regisseur mit Mujeres al borde de un ataque de nervios der internationale Durchbruch. Die Hysterie, mit der Pedro Almodovars Filmtitel spielt, wird nur aufgegriffen, um sie endgültig in der Mottenkiste abzulegen. Den ehrwürdigen Hollywoodgenres Screwball und Melodrama wird noch einmal zugezwinkert, bevor sich die Frauenfiguren in Almodovars Film endgültig von den Konventionen der marriage oder remarriage comedy lösen. Das Kind, mit dem sie schwanger ist, wird die Hauptfigur Pepe, verkörpert von Carmen Maura, allein großziehen. Der Weg in den Wahn, der im Titel anklingt, erweist sich als ein mit herrlich überdrehten Possen gepflasterter, an quietschbuntem Dekor vorbeiführender und mit schwindelerregender Eile beschrittener Weg in die Unabhängigkeit. Almodovar entlarvt den titelgebenden Psychokollaps als eine Projektion, denn er entsprang dem männlichen Blick einer patriarchalischen Gesellschaft, die Frauen überhaupt erst in solche verzweifelten Lagen bringen. Das gilt für Pepe, aber auch für die in denselben Mann vernarrte Lucía, die im Taumel der Eifersucht sogar auf den Geliebten schießt – und im Vorbeigehen ihren Aufenthalt in der Klinik López Ibor erwähnt, benannt nach dem Psychiater Juan José López Ibor, der unter Franco Karriere machte und die Demokratie für die Ausgeburt eines «neurotischen Matriarchats» hielt. Insofern handelt es sich bei Almodovars filmischer Wundertüte um charmanten Etikettenschwindel: Es steht zwar Nervenzusammenbruch drauf, aber es steckt Befreiung drin.

Dass auch Männer bisweilen auf dem Zahnfleisch gehen, trichterte Joel Schumacher seinem Publikum 1993 in Falling Down ein. Michael Douglas spielt Bill Foster, einen arbeitslosen Büroangestellten und geschiedenen Familienvater, der auf dem Weg zum Geburtstag seiner Tochter nach allen Regeln der Kunst – es sind in diesem Fall erstaunlich wenige – ausrastet. Damit der handelsübliche weiße Mann durchdreht, so suggeriert der Film, braucht es nicht viel: Ein Überschuss im Ressentimenthaushalt, ein schwer zu greifendes Ohnmachtsgefühl und eine kurze Lunte genügen. Dann mutiert der Spießer im kurzärmeligen Hemd, der zuvor in der Rüstungsindustrie seinen Lebensunterhalt verdiente, zu D-Fens, einem Mann, der genug hat von der Welt und ihren Demütigungen, nun Selbstjustiz übt und in Los Angeles eine Schneise der Verwüstung hinterlässt – in der Stadt also, in der im Jahr des Filmdrehs die auf Video festgehaltene Misshandlung Rodney Kings durch rassistische Ordnungshüter schwere Unruhen entfachte. D-Fens’ Aggressionsschwall ergießt sich über Koreaner, Chicanos, Neonazis und Golfer, bis sich ihm Robert Duvall als Polizist Martin Prendergast entgegenstellt. Prendergast weiß, wie D-Fens tickt, weil er, der Retter in der Not, mindestens genauso misogyn ist wie sein Gegenspieler. Sie mögen auf unterschiedlichen Seiten des Gesetzes stehen, grundlegende Aversionen teilen sie doch, auch wenn Prendergast sie anders zu kanalisieren weiß, die Form der bürgerlichen Ehe bei aller Verachtung für seine Gattin wahrt und – so der erzreaktionäre Subtext von Schumachers Film – gerade dadurch die Anomie auf Abstand hält. 

Ungeachtet ihrer ideologischen Ausrichtung, von den cineastischen Qualitäten ganz zu schweigen, muten beide Filme wie Relikte aus einer vergangenen Zeit an. Daran ändert paradoxerweise auch ihr prophetischer Vorgriff auf Debatten über white rage und toxische Männlichkeit nichts. Im Vorzeichenwechsel ihrer Geschlechterpolitik wirken sie wie zwei Seiten einer Medaille, in der inneren Abgeschlossenheit ihres Kosmos wie die Schneekugel, die D-Fens seiner Tochter schenken will. Fragt sich nur, warum: Hat sich seitdem etwas am Wesen der Gereiztheit geändert? Glaubt man Film und Fernsehen, sind wir nicht weniger geladen und doch ganz anders aufgebracht als früher. Der Riss, der durch die Zeit geht und das späte zwanzigste unüberbrückbar vom frühen einundzwanzigsten Jahrhundert trennt, wird ausgerechnet in einer Serie augenfällig, die sich zahm und zutraulich als Rückkehr zum Bekannten ausgibt. Mit Twin Peaks: The Return vergraulte David Lynch 2017 mehr als einen Fan der ersten beiden Staffeln seines stilbildenden Werkes. Anfang der neunziger Jahre hatte er ebenfalls mit melodramatischen Versatzstücken gespielt und sie mit dem Grauen kontrastiert, das in den trauten Heimen der Kleinstadtidylle gedeiht. Allenfalls in Reservate einzelner Einstellungen zurückgedrängte Restbestände solch liebevoll doppelbödiger Hommagen an die Amerikana-Tradition sind davon in Twin Peaks: The Return geblieben. Stattdessen bewegen sich bekannte Figuren und namenlose Charaktere wie tickende Zeitbomben durch eine fast vollständig heillose Szenerie, die sie in den Wahnsinn treibt. Als der Kasinobesitzer Rodney Mitchum unfreiwillig Zeuge einer Schießerei wird, meint er gegenüber seinem Bruder Bradley lapidar: «People are under a lot of stress

Dieser Satz taugt auch als Überschrift für aktuelle Serien, die man durchaus als künstlerische Nachkommenschaft von Lynch betrachten könnte. Überspannungen im sozialen Kreislauf sind längst der Regelfall, die Überspanntheit des Einzelnen in der Geopolitik ferner Weltgegenden, dem nahen Umfeld oder vor dem Spiegel zuhause täglich zu beobachten. Das elektrische Knistern, das sich durch so viele Lynch-Filme zieht, bot einen auditiven Vorgeschmack auf die Welt, in der wir leben. Hinter der Tatsache, dass Lynchs Geräuschkulissen ungemein an den Nerven der Zuschauer zerren, hat sich möglicherweise schon eh und je eine pädagogische Absicht verborgen, um uns für ein Zeitalter zu wappnen, in dem sich eine im Niedergangstaumel wähnende westliche Menschheit unfassbar auf den Keks geht. Der Druck steigt allerorts unaufhörlich, vor allem unter der Schädeldecke. So ist es kaum verwunderlich, dass die gut betuchten Dinnerpartygäste im Miniserienremake von David Cronenbergs Dead Ringers begeistert von den Segnungen der Trepanation schwärmen: Schädelbohrungen als Wellnessphänomen – das hatte man gar nicht auf der Rechnung. 

Häufig waren die zwischenmenschlichen Kurzschlussreaktionen auf Bildschirm und Leinwand zwar verstörend, aber letztlich doch leichter verdaulich als in der gesellschaftlichen Realität. Doch die Kunst lässt sich nicht lumpen, schon gar nicht von der Wirklichkeit. Die besten Serien näherten sich – auf masochistische oder sadistische Weise – der Grenze des Erträglichen an und ergingen sich in einem Splatter der Enerviertheit, in denen nicht Blut spritzt, sondern Affekte, die sich nur noch mit größter Mühe in sozialverträgliche Bahnen lenken lassen, einer Schlägerbande gleich unberechenbar ihre Kreise ziehen. In Beef enden die beiden Streithähne – Amy Wong und Danny Cho liefern sich einen grandiosen schauspielerischen Showdown – nach einer Kaskade von Selbstkontrollverlusten schließlich in der Wüste und fallen hungrig über ein paar Beeren her, deren Verzehr sich dann doch nicht als unbedenklich herausstellt. Erst im Rausch hecheln sie nicht mehr einem halluzinierten Wohlergehen hinterher, sondern geben sich, in der unverhofften psychotropischen Oase angekommen, dem halluzinierenden Innehalten hin.

Dagegen hatte Jamie Lee Curtis’ Gastauftritt in The Bear, wo sie die in Nervenbündel zerfallende Matriarchin Donna Berzatto mimt, schon fast etwas beruhigend Nostalgisches. Und zwar nicht nur, weil die Episode innerhalb des Serienganzen als Flashback strukturiert war, sondern weil hier unter die psychische Zerrüttung, die wie im freien Fall erscheint, ein sicherndes Netz von Pathologien – Alkohol spielt darin eine Rolle, wohl auch eine bipolare Störung – gespannt ist. Diese Abfederung hielten die Macher von The Bear für nötig, um den Traumata der Nachgeborenen um Chefkoch Carmy einen erzählerischen Sinn abzuringen.

An familiären Versehrungen fehlt es auch in The Curse nicht, nur reicht hier der Hinweis auf Mama und Papa, die einen abgefuckt in die Erwachsenenwelt entlassen, nicht mehr aus, um zu erahnen, was vor sich geht. Die Anspannung hat den Rahmen der Klein- oder Großfamilie hinter sich gelassen, sie liegt in der Luft und gräbt sich in die Landschaft ein. In manchen Einstellungen scheint selbst das Sonnenlicht angesichts der aggressiv reflektierenden Passivhäuser in New Mexico die Faxen dicke zu haben. Die beiden Showrunner Nathan Fielder und Benny Safdie läuten mit The Curse das Anthropozän der Gefühle ein: Die Empfindungen und Begierden der Menschen haben unauslöschliche Spuren auf der Erde hinterlassen, verändern die Atmosphäre und prägen das Klima. Die Abscheidung und Speicherung von CO2 ist Zukunftsmusik, immerhin wird fieberhaft daran gearbeitet, aber Pläne für planetarische affect capture and storage-Mechanismen? Fehlanzeige. 

 

 

Tilman Schumacher

Mehr Filme gesehen, als ich es mir eigentlich vorgenommen hatte, viel im Kino gewesen, Sehtagebuch geführt: Analogkino Ha llegado un ángel (1961) von Luis Lucia (Hofbauerkongress, Nürnberg): Nachtschiene eines langen Festivaltags; der Hofbauerkongress kurz nach Jahresbeginn wieder zugleich Kinoexzess und unvoreingenommene Entdeckungsreise: Ein hyperaktives Musical (dt.: Ein steiler Zahn) mit Marisol, sozusagen die spanische Shirley Temple, lässt auch die, die eigentlich schon im Dämmermodus waren, im Kinosessel hochschnellen. // Analogkino Pilgrim, Farewell (1982) von Michael Roemer (Arsenal, Berlin): Ein unbekannter Film vom nach wie vor zu unbekannten Michael Roemer; Dank Hannes Brühwilers Unknown Pleasures Festival läuft das zärtliche TV-Drama um eine todkranke Frau, die vor ihrem Ableben noch ihr zerrüttetes Verhältnis zur Tochter bessern will, auf einer 16mm-Kopie aus den Staaten. // Analogkino Feuer und Eis (1986) von Willy Bogner (Privatscreening): Ein Film, wie ihn wahrscheinlich nur die Kino-80er hervorbringen konnten: Skiakrobatikästhetizismus in SloMo zu Synthiepop, dazu ein schwizerdütscher, unfassbar kalauerlastiger Dub nordamerikanischer Ski-Profis, die von ihrem «Glück» vielleicht gar nichts wussten? // AnalogkinoOrdnung (1980) von Sohrab Shahid Saless (Berlinale, Berlin): Meine Begleitung und ich müssen viel und laut über die gespenstisch verdichteten Bilder und Sätze direkt aus der BRD-Hölle lachen; ging in der AdK sonst kaum jemandem so, fühlen uns, nicht zuletzt wegen der Widmung des Films an H. Achternbusch, aber nicht auf dem Holzweg. // Analogkino Mondo cannibale (1980) von Jesús Franco (Filmarchiv Austria, Wien): Florian Wideggers bahnhofskinoaffines Wild Weekend in Wien war 2023 dem traumwandlerischen Sleaze-Experten Jesús Franco gewidmet; eine frühe Tötungsszene seines Kannibalenfilms hat sich mir eingebrannt: Körper werden zerteilt und zermatscht, nur noch umherschwirrende Farben und Formen auf der Leinwand, abstrakter Expressionismus, wie bei Brakhage. // AnalogkinoOtto – Der Neue Film (1987) von Xaver Schwarzenberger (STUC, Berlin): Meine Premiere beim Stählerner Filmclub; so ein Otto-Film-Sonntagsmarathon geht nicht spurlos an einem vorbei, das muss man verarbeiten (bin noch dabei); besonders Teil 1 & 2 noch immer gut geschriebene, streckenweise sogar transgressive Komödien (irgendwie auch, schaut man auf die Personalien, halbe Fassbinder-Filme) – «Ich bin die Leber, du bist die Wurst». // DCPkinoTscherwonez (1982) von Gábor Altorjay (Brotfabrik, Berlin): Re-Release einer (Post-)Punk-Obskurität, bei der desertierende Sowjetmarinesoldaten durch ein exzentrisches Hamburg streifen; muss manchmal an Emigholz’ Spielfilm denken, im Nachgang auch oft an die prominent in Szene gesetzten Plättchen in den Imbissbuden, die sog. Würstchenhalter. // AnalogkinoBeijing Watermelon (1989) von Nobuhiko Obayashi (Filmrauschpalast, Berlin): Dank eines kulanten Verleihprogramms kann man bei der Japan Foundation u.a. Filme der japanischen New Wave auf Reduktionskopien leihen; im Filmrauschpalast gab’s dann gleich ein Obayashi-Triple; Beijing Watermelon stach heraus, ein humanistisches Meisterwerk über Solidarität und Wahlverwandtschaften über Ländergrenzen und repressive Systeme hinweg. // AnalogkinoApplause (1929) von Rouben Mamoulian (Il Cinema Ritrovato, Bologna): Die Classical-Hollywood-Retro beim Il Cinema Ritrovato ist für mich immer ein Highlight, dieses Mal war sie Mamoulian gewidmet; sein erster Tonfilm ist ein Backstage-Drama, wie es düsterer nicht sein könnte: das harte Ende lässt mich ähnlich baff wie bei Das Lied ist aus zurück, ein anderer, bloß vermeintlich kurzweiliger Bologna-Unterhaltungsfilm aus dem Vorjahr. // AnalogkinoEva man (Due sessi in uni) (1980) von Antonio D’Agostino (Terza Visione, FFM): Abseits der Huldigung von Italo-Genre-Klassik ist das Terza Visione immer auch eine Horizonterweiterung dessen, was es alles im kommerziellen Kino Italiens so gab; hier eine Erotik-Sci-Fi-Komödie mit den zwei populärsten trans (Exploitation-)Darstellerinnen Italiens: Eva Robins‘ & Ajita Wilson – gerade zu letzterer würde ich gerne mal eine Retro sehen. // AnalogkinoThema Nr. 1 (2001) von Maria Bachmann (Pupille, FFM): Abschlussfilm einer aufregenden Retro zur dt. Beziehungskomödie der späten 80er bis frühen 00er, die Carolin Weidner und Felix Mende für das Filmkollektiv Frankfurt ausgerichtet haben: Ein DV-Direct-Cinema-«Chick-Flick», anregend nervig, quirlig und bildkrisselig. // DCPkinoThe Equalizer 3 (2023) von Antoine Fuqua (CineStar, Leipzig): WE-Spätschiene im ersten Blockbusterkino am Platz: ich bin allein im Saal, ca. 250 Plätze (wie kann das auf Dauer gutgehen?!); inszenatorisch, wenn auch immer noch clumsy, der souveränste Teil der Reihe; die irre Kombi aus Urlaubsfilmvibes und Slasherbrachialität lässt mich nicht mehr ganz los. // AnalogkinoNezhnost (1967) von Elyer Ishmukhamedov (Arsenal, Berlin): Einer der schönste Filmanfänge der letzten Kinojahre: Jungs lassen sich auf Schwimmreifen von einem breiten Strom durch die Mittagssonne treiben, einer der Jungen entdeckt ein Mädchen am Ufer, das ihm gefällt, geht ans Land, läuft zurück und gleitet nochmal an ihr vorbei; Dank an Nadežda Fedorova & Gary Vanisian für die ambitionierte Tauwetter-Perestroika-Retro. // AnalogkinoBabylon (1980) von Franco Rosso (GEGENkino, Leipzig): Ein Soundsystem-Culture-Coming-of-Age-Film im Inneren eines Kinotrucks, dem «Milieu Kino» von Max Kaufmann: nicht etwa eine Ladefläche mit provisorischen Klappstühlen oder so, sondern: eingebaute Schräge, echte Kinostühle, guter Sound, 35mm-Projektion – ein Bastelwunderwerk! // DCPkinoThe Apocalyptic Is the Mother of All Christian Theology (2023) von Jim Finn (DOK Leipzig): Mein Einstieg ins augenzwinkernde Essayfilm-Œuvre von Jim Finn, der persönlich eine Einführung, oder aber: eine Stand-Up-Comedy-Einlage gab; nie besser von so etwas unterhalten worden; die Krone setzte dem Ganzen ein besoffener Typ vor mir auf, der den gesamten Film über (keine Übertreibung!) durchlachte – fand’s eher animierend als störend. // Analogkino Circus World (1964) von Henry Hathaway (Privatscreening): Rare Technicolor-OV-Kopie eines John-Wayne-Zirkusfilms, eine megalomane Studiokulissen-Cheese-Cake-Fantasie und damit so etwas wie das letzte Aufbäumen des Good Ol’ Hollywoods, bevor andere das Ruder übernahmen; am Ende, ein Happy-End, geht alles in Flammen auf. // AnalogkinoMajdanek (1944) / Auschwitz (1945) / Death Mills (1945) (ZHK, Berlin): Habe mich lange um die Lagerbefreiungsfilme gedrückt; in Frederik Langs Filmreihe zum Berliner Kinoprogramm der Alliierten 45/46 liefen sie mit Publikumsgespräch und einer Einführung der Historikerin Ulrike Weckel; der pure Schrecken, bezeugende Bilder und versagende Sprache: «Henker» & «Todesmühlen», man hat (noch?) keine adäquaten Worte für all das. // AnalogkinoLa Louve solitaire (1968) von Éduoard Logereau (Karacho, Nürnberg): Am Sonntagnachmittag ein perfekter Sonntagnachmittagsfilm – Daniele Gaubert spielt eine neue Irma Vep, die sich gegen ein Syndikat wendet, das sie einst ihrer akrobatischen Fähigkeiten wegen beauftragte; tolle Gimmicks & Setpieces, ein bisschen Thrill hier, ein bisschen Romance da. // Analogkino Cherchez l’idole (1964) von Michel Boisrond (LURU Archive, Leipzig): Abermals (und in eigener Reihe) gediegenes und formbewusstes Unterhaltungskino aus Frankreich: ein Chansonfilm, der es schafft, seine Musiknummern schön – weil eben aus der Story abgeleitet – in den Gaunerkomödienkomplex einzuflechten; Hallyday und Aznavour geben sich die Klinke in die Hand; Highlight: ein zu großer und ein zu kleiner Bulle, Chaplin lässt grüßen. // AnalogkinoWas geschah wirklich zwischen den Bildern? (1987) von Werner Nekes (ZHK, Berlin): Letzter Spieltag des Jahres im Zeughauskino und gleich ein Film, den man im Netz nur sehr dürftig zu fassen kriegt: Nekes’ wundersamer Parkour durch seine Sammlung bildgebender Apparaturen und Basteleien, die aufs Kino verweisen; tiefenentspannt führt er uns zu experimentellem 80er-Score ein Objekt nach dem anderen vor – was will man mehr?

 

 

Simon Strick

(keine besondere Reihenfolge)   Warten und Schreiben geht nicht gut zusammen + Mit PsychoanalytikerInnen über Querdenken nachdenken + Mehr True Crime und Court TV (Murdaugh Murders, Jan 6) + Twitter und sein Gang vor die Hunde + Amazing Johanna Schaffer, die sagt «Es wird gerade eine Maschine gebaut» + Denunziantentum + Frank Kelleters Gedichte auf Instagram + Fatboi Sharif & Steel-Tipped Dove, «Think Pieces» + Panzerkreuzer Rotkäppchen und TreuhandTechno im Neufertbau Weisswasser + Judgment at Nuremberg + Zones & Memes in der AdK + Documenta Podien + «East in Me» Performancereihe (Film kommt 2024) + Hängende Verfahren + Tucker on X und Russian War Rooms + Demonstrationsbesuche + Masha Gessen bei Heinrich Böll + Vorfreude auf «Digital Blackface» mit Kat Köppert + Metapolitische Strategie geht landesweit auf + Innerdeutsche Psychosen + Rettung des Brandenburgischen Zentrums für Medienwissenschaft + Ungewohnter Grad von Pornotroping Violence + Vielleicht das letzte Jahr ohne gewählt/gesichert rechtsextreme Regierung in D + Vieles bleibt von 2023, da wenig beendet wurde, weniger aufgehalten

 

 

sissi tax

bruchstückhaft zusammengedachtes zu ozu und zum mexikanischen populärkino (1940-1970) im arsenal.

    «du und deine alten filme» (anonymus)

 

I

vielen der filme aus japan und aus mexiko gemeinsam, die die frauenbeine zierenden nahtstrümpfe, wobei es den mexikanerinnen in den verkörperungen als ladies dames vamps working girls alias trotacalles vorbehalten bleibt, in allen lebenslagen stöckelschuhe zu tragen. über stock und stein, auf dem beinharten trottoir des asphaltdschungels,

eine exemplarische sequenz:

matilde landetas trotacalles / mädchen der straße / streetwalker / harlot (1951) «beginnt, nach einem kurzen opening shot auf einen nächtlichen straßenstrich, mit einer choreographischen miniatur auf dem asphalt. ein paar frauenfüße in hohen schuhen, zwei männerbeine kommen hinzu und die kamera setzt sich mit ihnen in bewegung, gleitet an mehreren high heels vorbei. nach einer reihe wechselnder posen und positionen haben sich schließlich zwei paar füße gefunden – und verlassen eilig das bild.» so esther buss.

ein bevorzugter name für all die extraordinären schauspielerinnen und tänzerinnen, die bisweilen in eleganter manier ordinärste und vulgärste figuren darstellen, ja, ertanzen, lautet gloria.

so auch der name der hinreissenden leading lady / maura monti des hit farbfilms la mujer murciélago / die fledermaus frau / batwoman, l’ invincibile superdonna (1968), in deren händen die edelsteinbesetzte schminkdose sich als schieszeisen entpuppt – ein gadget, das james bond vor neid erblassen läszt –, womit die superheldin gloria ihren häschern paroli bietet. und diese gloria gemahnt an jene gloria / gena rowlands des eponymen cassavetes films (1980). beide gloriose erscheinungen, gewandet in high fashion, mit colt und auf high heels.

 

II          

    als hätte fortuna ihr filmfüllhorn über der mexikanischen kinolandschaft ausgeschüttet.

einem jeden dieser filme eignet etwas spezifisches. sie haben, das heiszt die mexikanische filmindustrie hat ein genaues und gewitztes wissen um die (genre)tricks des alten hollywood wie um bestimmte techniken des neorealismus. um die ‹filmmittel› halt. so frieda grafe.

der einsatz der mittel gebiert ungeheuerliche genre mischkulanzen. deren  ingridienzien:

eine prise anthony mann, ad western: ‹you can take any of the great dramas. it doesn’t matter if its shakespeare, greek plays or what. you can always lay them in the west and they somehow come alive. its kind of passion drama. you can have patricide – every kind of cide. (er lacht). in the western you can get away with it. its sort of – where all action takes place.›

eine prise sam fuller: film is like a battleground – as love hate action violence death – in one word: emotions.

ein brise aller möglichen triebschicksale.

eine brise mutterschicksal

eine brise alttestamentarisches brüderschicksal.

eine prise freud’scher prosa, namentlich ‹der familienroman der neurotiker›.

eine prise machismo.

eine prise sexismo.

eine prise pulp.

eine prise spätkapitalismus.

eine prise mexikanischer katholizismus zu potenz.

im film los hermanos del hierro / my son, the hero (1961) schieszt all das inbegrifflich zusammen. bringt in schwärzestem s/w lautstark ins kinodunkel ein höchst verstörendes wie betörendes mord- und totschlagdrama, in dem nicht nur ein bruder sterben musz – wie in saddle the wind  / vom teufel geritten (1958), dem wohl einzigen western, in dem der eine bruder den anderen bruder auf dessen wunschbefehl hin erschieszt-, sondern beide.

mein sohn, der held – ein westernmelodram gesellschaftlichen usancen geschuldeter blutrache, das dem wiener idiom ‹blutoper› zur ehre gereicht und kulminiert im satz ‹killing is a serious business› des abgehalfterten gunfighters. dieser, eine traurig-existentialistisch anmutende gestalt, in der sich alle aus der zeit gefallenen gunfighter alt- und neuhollywoods aufgehoben finden.

jedoch, federführend auf dem schlachtfeld der gefühle, die mutter als inkarnation eines gefallenen blutracheengels. der kleine und der grosze sohn, tot. zum ende, das ende.

ikonische letzte einstellung: das geisterhafte weisz des antlitzes, entrückt, in nahaufnahme.

 

annotationen:

ad ozu: zum film soshun / früher frühling (1956), die grundlagen-publikation soshun (2006) von hemut färber. das buch, ein typographisches wunderwerk, in erscheinungsweise und gehalt so schön wie der film selber.

ad mex.kino: die schönheit der vampire: esther buss’ präziser wie bravouröser text in der jungle world vom august 2023. entstanden anläszlich der locarno retrospektive zum pop.mex.kino.

 

post scriptum:

maxime der 50er jahre, des alten hollywood: ‹jane mansfield, marilyn for the poor›.  mex maxime:  mex weternmelos, ‹sirk für die armen und die reichen›.

 

 

Nicolas Wackerbarth

EVIL DOES NOT EXIST – «Oft schreibe ich Dialoge, bevor ich mit etwas anfange, um zu verstehen, welche Geschichte ich erzählen will, und um zu lernen, wie meine Figuren denken. In diesem Fall konnte ich mich jedoch nicht auf die Sprache verlassen, sondern musste mich auf Bilder stützen.» Um diese in der Waldlandschaft unweit Tokyos zu finden, half Ryusuke Hamaguchi ein Stand In. Nicht selten bleiben diese in den Testaufnahmen «Fremdkörper». Die eigentümliche Spannung, die diesen «kontextlosen» Darsteller:innen innewohnt, wusste Hamaguchi zu nutzen. Er besetzte seinen Produktionsassistenten und Stand In Hitoshi Omika für die Hauptrolle, dessen abwesender Blick seine körperliche Präsenz nur verstärkt. Die in Abhängigkeitsverhältnissen verstrickten Stadtmenschen (und ihre Versuche sich in Sprechakten für ihr Leben vor sich selbst und anderen zu rechtfertigen) scheinen ihm fern zu sein. Er hat sich so sehr dem Rhythmus der Natur verschrieben – wohl ausgelöst durch einen persönlichen Verlust – dass er manchmal sogar vergisst, seine Tochter von der Schule abzuholen. Eine wundersame filmische Arbeit: unvorhersehbar, auch aufgrund eines abrupten Endes, das umso länger nachwirkt. Denn auch ein zurückgezogenes Leben im Wald birgt viele Gefahren, vor denen man auf der Hut sein muss.

Ein guter Freund, großer Theaterregisseur, Übersetzer und Autor hatte sich entschlossen freiwillig aus dem Leben zu gehen, um seinem unaufhaltsamen Krebs zuvorzukommen. Er ließ Freunde via Facebook an seinen letzten Tagen und Gedanken teilhaben. Ein großer Verlust für mich und viele andere, die er förderte. Karst Woudstra beklagte sich in seinem letzten halben Jahr nie, zeigte Humor, als andere um ihn herum zu weinen begannen. Es gelang ihm, mit Würde zu sterben – ganz so wie er gelebt hatte. Ich besuchte ihn davor noch in Amsterdam. Er war zu schwach für ein persönliches Treffen, aber nah wollte ich ihm dennoch sein. Während ich mit dem Fahrrad die Gassen Amsterdams erkundete und die Gayparade auf den Graachten stattfand, führten wir (über meine Kopfhörer) lange Telefonate. Er erzählte mir ausführlich absurde und bittere Geschichten aus seinem reichhaltigen Künstlerleben. Mit dem Zug fuhr ich an seinem Neubauviertel vorbei am Stadtrand – mit Blick auf das Meer – und winkte ihm zu. Er sagte: «Weißt du, was wirklich schade ist. Dass ich nun deinen neuen Film nicht mehr sehen kann.»

LA CIENAGA – Eine Großfamilie verbringt den Sommer über in ihrer maroden Villa auf dem Land in Nord-Westen Argentiniens. Die Atmosphäre ist drückend, das schwüle Wetter lähmt. Die Eltern trinken zu viel, die Kinder rennen im Wald mit Gewehren herum, die Teenager machen Ausflüge in das Dorf und baden im Swimming Pool. Doch dieser Pool erinnert an einen Tümpel. Im Gegensatz zu den berühmten Bildern von David Hockney sieht man durch das trübe Wasser nie auf den Grund. Martel seziert in ihrem Debütfilm die Lethargie der privilegierten, weißen Mittelschicht. Es herrscht Langeweile, die Menschen sind auf sich selbst zurückgeworfen. Erotische Spannungen können sich nicht entladen, aufkeimende Aggressionen werden unterdrückt, inzestuöses Verhalten bleibt angedeutet. La Ciénaga ist der erste Spielfilm von Lucrecia Martel. Als Teenager schenkte der Vater ihr eine Videokamera mit der sie begann den Alltag ihrer Familie in Salta aufzuzeichnen. Nach 6-jähriger Vorbereitungszeit und dem Casting von über 1300 Laien entstand ein ausgefeiltes Debüt, das zu den Herausragendsten der Filmgeschichte gehört. Für die Sommerakademie der Studienstiftung, die dieses Jahr nahe dem südfranzösischen Saint-Paul-de-Vence stattfand, durfte ich eine Filmreihe zusammenstellen. Ausgangspunkt war für mich der Swimming Pool als Kulminationspunkt der Dekadenz.

Opening Film  La Ciénaga (Lucrecia Martel – Argentinien 2001)   Double Features  La Notte (Michelangelo Antonioni – Italien 1961) + La Noire de… (Ousmane Sembène – Senegal, Frankreich 1966) || Sunset Boulevard (Billy Wilder – USA 1950) + Hustler White (Bruce La Bruce – USA 1996) || Bungalow (Ulrich Köhler – Deutschland 2002) + Dogtooth (Giorgis Lanthimos – Griechenland 2009) || The Swimmer (Frank Perry, Sydney Pollack – USA 1968) + Aftersun (Charlotte Wells – Großbritannien, USA 2022) || Une fille facile (Rebecca Zlotowski – Frankreich 2019) + Alle Anderen (Maren Ade – Deutschland, Italien 2020) || Lion´s Love (Agnes Varda – USA 1969) + Prinzessinnenbad (Bettina Blümner – Deutschland 2007) || L'estate di Giacomo (Alessandro Commodin – Italien, Frankreich, Belgien 2012) + Nostalghia (Andrei Tarkowski – Sowjetunion, Italien 1983) || La Piscine (Jacques Deray – Frankreich 1969) + Halbschatten (Nicolas Wackerbarth – Frankreich, Deutschland 2013) || The River (Tsai Ming-Liang – Taiwain 1997) + L’inconnu du lac (Alain Guiraudie – Frankreich 2013)   Closing Film  Blissfully Yours (Apichatpong Weerasethakul – Thailand 2002)

IM RÜCKSPIEGEL sind Mitfahrer:innnen zu sehen: Frauen, Kinder, Katzen, ältere Männer, eine junge verletzte Frau, die dringend medizinische Hilfe braucht. Ein junger polnischer Mann (Maciek Hamela, der Regisseur des Films ) sitzt am Steuer und evakuiert Menschen aus dem Kriegsgebiet der Ukraine (laut Pressetext brachte er 400 in Sicherheit). Der Weg Richtung polnische Grenze ist voller Hindernisse, die Fahrt über eine Brücke endet plötzlich… die Straße führt ins Nichts, das Auto hält vor dem Abgrund der gesprengten Brücke. Apokalyptische Bilder finden sich hier an jeder Straßenkreuzung wieder. Russische Mienen liegen auf den Landstraßen, zerstörte Panzer am Wegesrand. Kriegshandlungen sind in diesem Dokumentarfilm nie zu sehen, dafür werden uns deren brutale persönliche Folgen durch Erzählungen der Angehörigen und Betroffenen nahegebracht. Lange Autofahrten mit fremden Menschen begünstigen intime Gespräche. Unter den grausamen Bedingungen des russischen Angriffskriegs entsteht in Macieks Auto ein solidarischer Raum für Flüchtende, der dabei helfen kann, das Erlebte zu verarbeiten. Ihr Blick zurück wird Teil ihrer Zukunft sein.

 

 

Carolin Weidner

Ein an Kino- und auch sonstigen Momenten eindrückliches Jahr. Immer wieder beklemmend und herausfordernd, durchsetzt von kleinen glamourösen Spitzen (gerade zu Beginn), bezahlt mit einem gewissen Preis, später auch glückselige, stets flüchtige Gemeinschaftlichkeit (zu wenig davon). 2023 zurrt sich phasenweise seltsam zusammen, bündelt sich, um dann kurz darauf wieder an den Alltag mit seinen unvermeidlichen Routinen und Notwendigkeiten zu gemahnen, die unterschiedlichen Lautstärken wirken im Zusammenspiel bizarr, die Kunst besteht im Austarieren. Es ist auch ein Jahr der Ratlosigkeit, des Abgebrochenen und Abgelehnten, der Vollbäder im Hochsommer.

#1 Januar, Saarbrücken

Hier stellt sich tatsächlich für einen Abend Kinomagie ein und scheint sich auf alle Anwesenden zu übertragen. Benjamin Seyfert ist zu Gast im Kino achteinhalb, um den ersten Film seines Urgroßvaters Max Ophüls zu präsentieren: Die verliebte Firma (1932). Der Begegnung mit Seyfert war ein gewisser Vorlauf vorausgegangen, umso schöner dann das Aufeinandertreffen in Saarbrücken. Die Kopie ist prächtig, der Film: viel moderner, beschwingter und lustiger als erwartet. Im Anschluss stehen alle im Bann, sind beseelt, teilen ihre Eindrücke. Hier ist für zwei Stunden etwas Besonderes passiert, gab es einmal den perfekten Rahmen. Es ist der Höhepunkt einer durchaus wechselvollen Reise.

#2 November, Amsterdam

Der erste Besuch der IDFA, dem größtem und bedeutendsten Dokumentarfilmfestival der Welt, wird zur Zerreißprobe, zur Therapiesession, zum emotional aufgeladenen Tanker, der einem die Luft zum Atmen abschnürt. Selten habe ich mich während eines Festivals so überfordert und verloren gefühlt, allein mit Gedanken und Irritationen, viele bewegen sich wie auf Eierschalen, während es parallel zu lautstarken Zusammenschlüssen kommt. Am Ende haben mehr als ein Dutzend Filmleute ihre Arbeiten zurückgezogen, Jurymitglieder sind vorzeitig abgereist. Die Rückkehr nach Köln verspricht – dieses Mal ersehnte – Normalität.

#3 Oktober bis Dezember, rtl+

Ein wenig peinlich ist es schon, aber nun ja. Der Anker der hiesigen Herbst-Winter-Saison war zweifelsohne Temptation Island VIP. Nachdem bereits das erste Pandemie-Jahr in einem kollektiven Love Island-Binge mündete und bald darauf Bachelor Niko Griesert auf der Bildfläche erschien, war es endlich wieder an der Zeit. Angelockt durch Mimi Gwozdz und Denise Hersing, zwei alte Bekannte im Reigen um Niko, schaltete ich ein und beobachtete das Treiben in der «Männer-» und «Frauen-Villa», verfolgte das große Treue-Experiment und bangte beim Lagerfeuer, moderiert von Lola Weippert in ihren stets unfassbaren Nicht-Garderoben. Was soll ich sagen: Es war köstlich. Zwischen Shots, Fremdgeherei und Ballermann-Playlist wurde sich tatsächlich auch ein bisschen selbst gefunden.  

 

© Carolin Weidner / Gencraft

 

 

Robert Weixlbaumer

Rusticatio civitatis piratarum

«Ist eine Schatzkarte nicht schon selbst der Schatz?» Im Herbst gab es vor meinen, oft vergeblich tiefer grabenden, protomedizinischen Archivfahrten nach Klagenfurt, Triest und Gorizia ein Wiedersehen mit Raúl Ruiz’ Filmen, die das Wiener Filmmuseum in seiner Retro zeigte. Vor einem halben Leben bin ich durch die Templer-Portale von Pierre Klossowski in die Ruiz-Welt eingetreten, in diesem Herbst habe ich mich Freibeuter:innen anvertraut. Keiner, unter den Filmen, die ich jetzt erstmals sah, war wahnhafter, duftiger, dichter, delirierender als LA VILLE DES PIRATES (1983), in dem Anne Alvaro mit ihrer hypnotischen Stimme die Parole ausgibt, die für alle Ruiz-Filme gelten mag: «Ouvre la porte!». Wie in einem Traum, in dem immer neue Träume stecken, kann man sich ihr überlassen in den Territoires d’outre-mer.

 

New Flesh

Ob David Cronenbergs knapp vierminütiger Beitrag für die Sommerausstellung der Fondazione Prada in Mailand eine konsequente Fortsetzung seiner vielfältigen Sexualisierungen des Körperinnern ist, oder doch eher läppisch ahistorisch, mag ich gar nicht sagen. Ich bin desensibilisiert, nach fortgesetzter Beschäftigung mit den Kontexten der anatomischen Wachsmodelle aus dem 18. Jahrhundert, die heute im naturhistorischen Museum La Specola am Rande des Boboli Gartens in Florenz aufbewahrt werden, nur wenige hundert Meter von ihrem Entstehungsort entfernt. Die Schneewittchen-Särge, in denen diese Modelle liegen, sind Freeze Frames eines frühneuzeitlichen 3D-Kinos, das in die geheimsten Verästelungen des Körpers und der Seele einzudringen beginnt. Die anmutig drapierten Venus-Gestalten mit den geöffneten Leibern, aus denen auch Dünndarm und Dickdarm in farbigem Harz herausquellen, bettete Cronenberg für seine Videoinstallation auf virtuelle Luftmatratzen um, und ließ die sezierten Frauen im Mittelmeer treiben. Das darüber gelegte Gestöhne erinnert vielleicht auch daran, dass sich mit den Wachsmodellen von Felice Fontana und Clemente Susini in den 1780ern der anatomisch sezierende Blick mit einem sexualisierten, später buchstäblich sadistischen Zugriff überlagerte, der uns heute noch verfolgt. 


Risse

Vieles andere ist zerrissen, gebrochen, wie die Eisdecke in Eisensteins Александр Невский (ALEXANDER NEWSKI, 1938), die die Deutschen Ordens-Ritter verschlingt, wie die Landkarten und Wege im Nordosten Polens, keine Autostunde von der russischen Grenze entfernt ­­– wie die vier Meter dicken, auseinander gesprengten, jetzt überwachsenen Bunkerwände in der Ruinenlandschaft bei Kętrzyn, in denen ich im Sommer mit Ka vorbeikam, gerade als die Angestellten des Forstamtes an der Wolfsschanze in historischen Uniformen den doppelten Überfall auf Polen 1939 als symbolhaft verdichtetes Live-Action-Theater mit Kanonenschlägen, gepanzerten Fahrzeugen und Maschinengewehrsalven zum Nationalfeiertag nachstellten. Über die beklommenen Besucher wehte Schießpulverdampf, der auch davon kündete, dass an den Rändern der Blöcke die realen Kriege in immer neuen, schrecklichen Rollen weiter gehen.

 

 

Aljoscha Weskott

Was bleibt von 2023? Brasilien und das tropikalistische Versprechen von Hélio Oiticica, die brasilianische Moderne Oscar Niemeyers, außerdem viel Vilem Flusser und Felix Guattari-Input und vieler anderer, etwa Anielle Franco, um Brasilien zu verstehen. Und schließlich Pacifiction, der Film, der alles überstrahlt, das andere tropische Denken als politisches und postkoloniales Denken in Bildern andeutet, das mit Herman Melvilles Roman Typee zu überblenden wäre. Aber das vielleicht an anderer Stelle. Was auch bleibt und besticht sind die Tränen des Anderson Cooper in der Allgegenwart des Umgeben-Seins von Bildmaschinen im «planetarischen Kapitalismus». Neben diesen fluiden Bildern aus dezentralen Bildmaschinen steht immer noch der extreme Produktionsaufwand klassischer Medien wie des TV: CNN chartert ganze Flugzeuge aus den USA, reorganisiert sein Korrespondent*innen-Netz neu, mietet sich in Hotels am Strand von Tel Aviv ein, um die Dauer des Ereignisses zu covern, aber auch zu bestimmen. Denn in dem Augenblick, wenn CNN-Reporter*innen wieder abreisen und zu anderen Kriegsschauplätzen weiterziehen, bricht die Intensität ab. Alles ist eine Frage der Einstellung: Der Strand von Tel Aviv ist allabendlich hell erleuchtet und avanciert zu einem Filmset internationaler Medien. Auch das ZDF möchte für ein Heute Journal live vor Ort sein. Das gelingt einmal. Am 8. Oktober beginnt mit CNN dieses große Spektakel. Anderson Cooper berichtet live aus Tel Aviv. Tage später wird sich der Affekt des Krieges in Tränen verwandeln. Live. On Air. Cooper ringt nach Worten, kann seine Tränen nicht unterdrücken. Zum wiederholten Male wird Cooper im Ausbruch der Tränen kollabieren. Wie zuvor bei einem Cornel West-Interview über George Floyd 2020, bei einem Interview einer Hinterbliebenen eines Corona-Toten im gleichen Jahr. Anderson Cooper ist damit aber keine Figur, die das weltpolitische Geschehen in Kitsch und damit in die Privatheit der Gefühle überführt. Seine Politik der Tränen zeugt stellvertretend für die Affektwelten vieler; vergegenwärtigt Coopers Fluss der Tränen doch die Überforderung und den Riss in der Realisation grauenhafter Ereignisse. Eine produktive Form der Suspension demnach?  

Oder zeugt dieser latent melodramatische Modus nicht doch von einer geteilten Weltwahrnehmung? Die unterschiedliche Aufteilung des Affekts der Trauer deutet sich sofort an, wenn das Korrespondent*innen-Netz von Al Jazeera aus Gaza berichtet und weniger vom Strand in Tel Aviv.

It’s all about switching the channels permanently. Um den Lauf der Tränen auf allen Seiten zu realisieren. Soviel zur Arbeit im Bildraum 2023, die 2024 leider weitergehen wird.