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McCay Smolderen & Bramanti

Von Ekkehard Knörer

© Carlsen

 

Noch eine Comic-Biografie. Thierry Smolderen (Autor) und Jean-Philippe Bramanti (Zeichner) gehen das in Sachen Winsor McCay aber ganz anders an als das Moneyman-Team (vgl. cargo 42), das sich dem Leben Walt Disneys zwar einerseits schräg über den weniger bekannten Bruder Roy näherte, andererseits aber doch entlang der Methode Malen-nach-Lebensdaten-und-Zahlen verfuhr. Die Kenntnis von Leben und Werk McCays setzen Smolderen/Bramanti dagegen mehr oder minder voraus. Wer sich nicht halbwegs darin auskennt, dem werden sich die Auftritte Nemos (immer in Form von Pastiches) wie die nicht seltenen Verweise auf das Slumberland wohl kaum so richtig erschließen.

Andererseits auch ein bisschen egal. Denn was die beiden hier treiben, entfernt sich von Leben und Werk McCays ganz grundsätzlich ins Mathematisch-Spekulative, umzingelt den Comic-Künstler mit Hommagen an den Mathematiker Charles Howard Hinton oder auch Harry Houdini und führt einen Dunkelmann namens Silas ein, der nach seinem Tod, bei dem er nicht stirbt, aus der vierten Dimension heraus sein anarchistisch-mörderisches Unwesen treibt. Angelehnt ein wenig an das retrospekulative Verfahren von Alan Moores League of Extraordinary Gentlemen: Was irgend passend scheint an realen Figuren und Motiven, wird kontrafaktual in die McCay-Biografie gewurstet. (Aber es gibt halt nur einen Alan Moore.)

Das mit der vierten Dimension (und überhaupt, soweit ich sehe, das meiste) ist nicht erfunden, Charles Hinton war einer der mathematischen Geister Ende des 19. Jahrhunderts, die das Abstrakte existenziell dachten (und ein wichtiger Einfluss etwa für H. G. Wells): Wo eine mathematische Gleichung ist, da muss auch im Realen ein Weg sein. Und so stülpt sich die Wirklichkeit um, und Winsor McCay in und mit ihr: the horror, the horror. Allein, der Horror vermittelt sich so recht nicht. Alles ist zugleich zu kompliziert und zu schlicht. Die Erzählung macht in Bild und Plot große Schritte oder gar Sprünge und erklärt sie hinterher klein. Manchmal stehen die Dinge einfach so Kopf. Aber dann kommen plump pädagogisch 2-D-Entchen-Fitzel in die Badewanne geschwommen, da hilft es auch nicht, dass diese 4-D-Präsentation von der nackten Alicia Boole (Tochter des Mathematikers!) präsentiert wird. Erst will sie gemeinsam mit der Polizei McCay wegen Mordverdachts hinter Gitter bringen, dann haben sie Sex und so weiter.

Kurz und gut: Was sich Thierry Smolderen – er hat das Ganze zunächst für sich in Romanform verfasst – da zusammengereimt hat, geht nie wirklich auf. Ein bisschen bedenklich für einen Professor an der École européenne supérieure de l’image in Angoulême. Andererseits ist er in Angoulême auf einen meisterhaften Studenten gestoßen, eben Jean-Philippe Bramanti, dem es in seinen manchmal ins Monochrome tendierenden, manchmal ans Viragierte gemahnenden Bildern vielleicht nicht gelingt, den Schwurbelquatsch des Professors vergessen zu machen.

Aber erstens gibt es tolle Seiten mit fast keinem Text. Und grundsätzlich geht Bramanti zum Glück einen weit von Little Nemo entfernt liegenden Weg. Nemos Traumwelten sind ja stets hell und bunt – diese Stimmungen gibt es in McCay nur in kurzen Pastiches als Zitat. Sonst ist es meist virtuos getuscht düster, Noir und verwunschen, manchmal verwischt und verwaschen. Und schlussendlicher Trost auch im Plot, jedenfalls für ein schlichtes liebendes Gemüt wie mich. Wir sehen Gertie, den hinreißendsten Dinosaurier aller Zeiten, aus den Daumenkinobildchen, die McCay für seinen Sohn zeichnete, entstehen: Hier kommt die Zukunft des Zeichentrickfilms auf die Welt.

 

Thierry Smolderen, Jean-Philippe Bramanti: McCay (Carlsen 2019)