dokumentarfilm

Schlafwandler Eine Art Beziehungsfilm: Olivier Meyrou dokumentiert Yves Saint Laurent

Von Stephan Herczeg

© Salzgeber

 

Großaufnahme der rechten Hand Yves Saint Laurents. Der Fingernagel seines Mittelfingers weist einen leichten Schmutzrand auf. Mit einem Staedtler-Bleistift kratzt Saint Laurent auf einem Blatt Papier herum und entwirft Kleidungsstücke für seine letzte Haute-Couture-Kollektion. Der Fashion-Auskenner weiß: Das muss vor 2002 gewesen sein.

Sechzehn lange Jahre hat es gedauert, bis Olivier Meyrous Dokumentarfilm über Yves Saint Laurent und dessen Lebens- und Geschäftspartner Pierre Bergé in die Kinos kommen konnte. 2007, ein Jahr vor Saint Laurents Tod, wurde Celebration noch im Panorama der Berlinale uraufgeführt, doch direkt im Anschluss verbot Pierre Bergé persönlich, unter Androhung rechtlicher Schritte, die weitere Veröffentlichung zu seinen Lebzeiten. Und, das lehrt der Film: Mit Bergé, der erstens sehr reich und zweitens Choleriker ist, legt man sich besser nicht an.

Wie kam es wohl zu Bergés Stimmungswandel? Zweieinhalb Jahre hatte Meyrou freie Hand und durfte in den Geschäfts- und Produktionsräumen des Unternehmens, auf Modeschauen, Events und Galas drehen, was, wo und wen er wollte. Während der kamerascheue Saint Laurent, der – wie die Dokumentation zeigt – offensichtlich keinen Bock auf die Dreharbeiten hatte, kaum einen vernünftigen Satz von sich gibt und apathisch dem Geschehen beiwohnt, zeigt sich Bergé in den Interviewszenen gegenüber Meyrou äußerst offen, zugewandt und gesprächig. Meyrou und Bergé duzen sich, was in Frankreich schon etwas heißt, aber vielleicht auch nur daran liegen mag, dass Meyrous Ehemann Christophe Girard (der im Abspann auch als Produzent des Films genannt wird) seit 1978 in führender Position als Manager im Unternehmen Yves Saint Laurent tätig war und somit zum engsten Kreis um Bergé und Saint Laurent gehört haben dürfte.

Was dem Kontrollfreak Bergé an Meyrous Dokumentation nicht gefallen haben mag, ist leicht auszumachen: Das vermittelte Bild Saint Laurents ist kein schmeichelhaftes, nach Bergés Empfinden als Geschäftsmann wahrscheinlich sogar ein schlichtweg imageschädigendes. Zu sehen ist Saint Laurent als ein vom Leben, von Depressionen, Angstattacken und Drogenexzessen gezeichnetes, labiles Genie-Wrack, das launisch, aber in sich zurückgezogen, von Bergé und seiner Entourage manipulativ dauergepampert im Kreationsprozess gehalten wird. Oder wie es Bergé selber im Film während eines Laberflashs ausdrückt: Saint Laurent sei wie ein Schlafwandler, den man bei seinen Dachspaziergängen zwar beschützen und vor Abstürzen bewahren, aber keinesfalls wecken dürfe.

Leicht manipulative Absichten könnte man aber auch Meyrou unterstellen, der Saint Laurents desolaten Zustand mit filmischen Mitteln auch noch extra hervorhebt. Der Großteil seiner Dokumentation ist in Farbe gedreht: Daily-Business-Szenen mit den obligatorischen Näherinnen im Atelier, pingelige Fittings an Models, ein cholerischer Wutanfall Bergés vor einer Modenschau und ähnliche für Fashion-Dokus inzwischen übliche Insider-Folklorika. Doch immer wieder werden harte, mit einem tinnitusähnlichen Sound unterlegte Schwarz-Weiß-Sequenzen dazwischengeschnitten, in denen ein sich unbeobachtet fühlender Saint Laurent, meist in Großaufnahme, besonders fertig, einsam und geistig abwesend erscheint.

Es dürfte Bergé aber auch nicht gefallen haben, welches Bild er selber stellenweise in Celebration abgibt, nämlich das eines selbstgefälligen, eitlen und zurecht von seinen Fähigkeiten eingenommenen Machtmenschen. Meyrou hat natürlich schnell erkannt, dass Bergé derjenige ist, der im Unternehmen Yves Saint Laurent nicht nur das Geschäftliche regelt, sondern – vermeintlich im Hintergrund stehend – auch in beinahe allen kreativen Entscheidungen das letzte Wort hat. Bergé ist es, der bei der Anprobe hinter Saint Laurent stehend stumm gestische Anweisungen gibt, wie ein Mantel zu sitzen hat; er ist es, der die Auswahl der Models abnickt, der sie bei Modenschauen im Takt auf den Laufsteg schickt und sogar Saint Laurent durch ein Schulterklopfen signalisiert, wann dieser seine Ehrenrunde am Abschluss der Schau zu drehen hat.

Das sich nach und nach verdichtende Psychogramm dieser komplexen Beziehung zwischen Saint Laurent und Bergé ist zweifellos die große Stärke von Celebration. Es handelt sich also auch um eine Art Beziehungsfilm, der aber eben nur die späte Phase dieser bereits 40 Jahre andauernden Verbindung dokumentiert, die aber schon seit 1976 keine Liebesbeziehung mehr war (auch wenn beide kurz vor Saint Laurents Tod noch schnell geheiratet haben). Die Beziehung Bergé/Saint Laurent in den Jahren 1967–1976 hat Bertrand Bonello in seinem Spielfilm Saint Laurent sehr eindringlich in Szene gesetzt. Und auch Bonellos Film wollte Bergé mit allen Mitteln verhindern (was ihm glücklicherweise aber nicht gelungen ist).

Kurz vor seinem Tod hat Bergé dann schließlich doch noch seinen Widerstand gegen Meyrous Dokumentarfilm aufgegeben, der letztes Jahr in einer minimal geänderten Fassung in die französischen Kinos kam. Vielleicht auch, weil Bergé klar geworden sein mag, dass Celebration eher ihm als Saint Laurent ein Denkmal setzt. Auf jeden Fall schade, dass Meyrous besonderer Film nun unfreiwillig mit der Unmenge relativ beliebiger und oft ermüdender Feelgood-Fashion-Dokumentationen der letzten Jahre konkurrieren muss, die aber quasi alle erst nach Celebration entstanden sind. Noch zu Lebzeiten Saint Laurents hätte der Film mit Sicherheit größere Beachtung erfahren, nun droht ein Dasein als Special-Interest-Clip in der arte-Mediathek.

 

Celebration (Olivier Meyrou) F 2006 | Kinostart am 26. September 2019